Eine wackelige Angelegenheit, die oft vor der Fertigstellung auseinanderfällt: Castells, die menschlichen Türme aus Katalonien, wurden 2010 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. - © ap/Emilio Morenatti
Eine wackelige Angelegenheit, die oft vor der Fertigstellung auseinanderfällt: Castells, die menschlichen Türme aus Katalonien, wurden 2010 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. - © ap/Emilio Morenatti

Barcelona. Kinder wetzen durch den Saal, lachen vergnügt, Erwachsene stehen in Grüppchen, unterhalten sich. Die Stimmung ist entspannt. Plötzlich bildet ein Teil der Anwesenden einen Knäuel. Der Lärm verstummt, die Luft ist dick vor Konzentration. Sie drücken ihre Leiber fest aneinander, ein Mann bellt einen Befehl, einzelne Körper justieren ihre Stellung nach. Aus verschiedenen Richtungen klettern nach und nach weitere Körper auf die Menschenmasse, die vom Aufstieg eines vielleicht achtjährigen Mädchens gekrönt wird.

160 Frauen, Männer und Kinder haben sich in dem turmartigen Turnsaal im Barceloneser Stadtteil Gràcia versammelt, um "Castells" zu proben. Diese Menschenburgen sind eine jahrhundertealte katalanische Tradition, die gleichzeitig mit den separatistischen Bestrebungen derzeit einen Boom erlebt.

Ein Symptom des aufgeflammten katalanischen Nationalismus? Vereinspräsident Oriol Francolí verneint. Die Leute kämen wegen der Krise. Politik spiele keine Rolle. "Ob für die Unabhängigkeit oder dagegen, bei uns ist jeder willkommen", so Francolí. Doch Unabhängigkeitsgegner sucht man hier wie die Nadel im Heuhaufen.

Nationalismus, um von anderen Themen abzulenken


Eva de Lecea ist diese Nadel im Heuhaufen. Seit sie zwölf ist, macht die 29-Jährige bei den Castellers mit. Aus Leidenschaft, obwohl ihre Kollegen sie wegen ihrer kritischen Haltung schon mal aufziehen. "Natürlich ist das Katalanische meine Sprache und Kultur, aber es gibt wichtigere Themen als die Unabhängigkeit", so de Lecea. Viel eher würde sie für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Außerdem, so glaubt sie, wolle die Regierung das Volk mit dem Thema verdummen.

Kataloniens Ministerpräsident Artur Mas hatte für den 9. November ein Referendum über die Unabhängigkeit angesetzt. Anders als im Fall von Schottland verbietet Spanien dies, denn in der Verfassung ist "die unauflösliche Einheit des Staates" verankert. Nun hat Mas kalte Füße bekommen und sagte das Referendum, das vom Verfassungsgericht gestoppt wurde, ab. Stattdessen will er eine alternative Befragung durchführen und später dann vorgezogene Neuwahlen mit plebiszitärem Charakter ausrufen.

Mas’ Nationalismuskurs kommt nicht von ungefähr. Seine Partei Convergència i Unió (CiU) ist eine liberale und seit seiner Amtsübernahme 2010 hält er sich an ein unbarmherziges Spardiktat. Das tat seiner Popularität nicht gut. Vermutlich hat er die Abspaltung deswegen zur obersten Priorität auf seiner politischen Agenda erhoben. Traditionell ist der katalanische Nationalismus radikale Herzensangelegenheit der linksnationalen Esquerra Republicana de Catalunya (ERC), der zweitstärksten Kraft im Parlament.

Die siebeneinhalb Millionen Einwohner der Region tragen etwa ein Fünftel zu Spaniens Bruttoinlandsprodukt bei, erhielten jedoch im Gegenzug weniger Leistungen als andere Regionen. Die Ökonomieprofessorin Elisenda Paluzie von der Universität Barcelona rechnet vor, dass von jedem an den Zentralstaat gezahlten Euro nur 52 Cent nach Katalonien zurückfließen.

Bayern zahlt viel weniger als Katalonien an den Zentralstaat


Die innerstaatlichen Transferleistungen aus Katalonien betragen jährlich zwischen sechs und acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die deutsche Nettozahlerregion Bayern zahlt zehnmal weniger.

Trotz dieser enormen Summen waren die Separatisten bis vor wenigen Jahren noch eine Minderheit von 20 Prozent. Doch wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage und einer zentralistischen Politik ist heute die Hälfte der Katalanen für eine Abspaltung.

Zurück im Turnsaal der Castellers. Männer dehnen sich an den Sprossenwänden. Darunter ist auch Michael Dörmer alias Miquel Doermer. Die Menschenburgen, die stets von einem Kind gekrönt werden, erreichen schwindelerregende Höhen von bis zu 15 Metern. Um seine Tochter habe der in Bayern geborene Künstler Doermer trotzdem keine Angst. Falls etwas passieren sollte, stehen unten die kräftigeren Castellers, um eine zusammenstürzende Pyramide aufzufangen. Disziplin und regelmäßiges Training seien der Schlüssel für ein gelungenes Castell.

Zu den Spannungen bezieht Doermer ohne zu zögern Stellung: "Die Unabhängigkeit ist dringend nötig." Als Bayer sei er sensibel gegenüber dem Verlust von Kultur und Sprache. Er fühlt sich mit seiner Wahlheimat mittlerweile verbundener als mit seinem Herkunftsland. Mit diesem Gefühl ist er nicht allein. 37 Prozent der Bewohner Kataloniens sind nicht hier geboren. Dennoch fühlen sich 50 Prozent als Katalanen.
Doermer empört sich über den spanischen Bildungsminister Ignacio Wert, der "unsere Kinder españolisieren will".

Viele Katalanen empfinden Werts Rhetorik als Angriff auf die eigene Sprache und den Versuch, sie zurückzudrängen. Während Katalanisch unter der Franco-Diktatur aus den Schulen verbannt war, findet der Unterricht heute in der Regionalsprache statt. Das soll sich mit der jüngsten Bildungsreform ändern, die mehr Kastilisch, also Spanisch, in die katalanischen Schulen bringen soll.