Washington/Brüssel. Ebola lässt sich auch in den westlichen Industriestaaten nur schwer bekämpfen. Den Beweis liefern die USA, wo es in den letzten Wochen nicht gelungen ist, wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen. Europa ist - so die Prognosen - ebenfalls von einer Infektionswelle bedroht. US-Präsident Barack Obama, die Weltgesundheitsorganisation WHO und das Internationale Rote Kreuz (IKRK) gehen von einer Epidemie von "globaler Größe und Gefahr" aus. Laut IKRK-Chef Peter Maurer sei es in der globalisierten Welt eine "Illusion" zu glauben, dass sich die Krankheit regional begrenzen lasse. Er kritisiert, dass Ebola lange unterschätzt worden sei - US-Präsident Obama hat diesen Fehler längst zugegeben.

Jets als Überträger

Die große Gefahr stellt der Flugverkehr dar. Bestes Beispiel ist der Fall Amber Vinson, einer US-Pflegerin, die sich mit Ebola angesteckt hat und trotzdem einen Flug von Cleveland nach Dallas nehmen konnte, obwohl das laut US-Maßnahmen-Plan unter allen Umständen unterbunden hätte werden müssen. Die Krankenschwester bemerkte vor Antritt des Fluges, dass sie leichtes Fieber hatte, und teilte das der US-Gesundheitsbehörde CDC mit. Dort verbot man ihr den Flug nicht. Begründung: Vinson hatte 37,5 Grad Celsius Körpertemperatur, der Grenzwert liegt für die CDC aber bei 38 Grad. Das zeigt, wie schwierig es ist, Ebola-Symptome mit Sicherheit zu diagnostizieren. Wenn Symptome bereits auftreten, ist Ebola hoch ansteckend - durch direkten Kontakt, nicht durch die Luft. Als "Hochrisikosituation" gilt nach österreichischer Definition ein Abstand von weniger als einem Meter. In Passagierkabinen wird diese Distanz stets klar unterschritten.

Im Fall Amber Vison müssen jetzt 132 Fluggäste um ihre Gesundheit bangen. Und: Die US-Behörden sind auf der Suche nach den betreffenden Personen, um eine schnelle weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Zuletzt häufen sich die Zwischenfälle im Flugverkehr. Gestern läuteten am Madrider Flughafen Barajas die Alarmglocken, die Notfallkette wurde in Gang gesetzt: In einem Air-France-Flieger von Lagos über Paris nach Madrid bekam ein Passagier plötzlich Schüttelfrost. Die Maschine wurde an einen abgelegenen Ort des Flughafens dirigiert, der Patient von Ärzten in Schutzanzügen untersucht und dann per Krankenwagen in das Madrider Spital Carlos III. gebracht. Der Rückflug der Maschine wurde abgesagt, da der Flieger komplett desinfiziert werden musste. Ob der Passagier tatsächlich Ebola hat, war zu Redaktionsschluss nicht bekannt. Der Vorfall könnte sich in Zukunft in gehäufter Zahl wiederholen und den internationalen Flugverkehr massiv beeinträchtigen. Ein Rückgang der Passagierzahlen und Panik durch Fehlalarme sind vorprogrammiert.

Brüssel hat die Bürger der EU bereits vor Panikreaktionen gewarnt. Fieber sei noch kein Hinweis auf eine Ebola-Erkrankung. Man will offenbar verhindern, dass in Europa ein Ansturm auf Krankenhäuser und Ärzte-Praxen erfolgt und diese dadurch in Wahrnehmung ihrer Aufgaben eingeschränkt werden. Österreich hat eine Telefon-Hotline eingerichtet, sie ist von Montag bis Freitag, 8.00 bis 17.00 Uhr, unter der Nummer 050-555-555 erreichbar.

Krisen-Modus

Was außerdem für Beunruhigung sorgt, ist die Tatsache, dass sich in Dallas und in Madrid Krankenhaus-Personal angesteckt hat, obwohl Schutzanzüge getragen wurden. Eine Erklärung für die Ansteckungen hat man noch nicht. Hunderte US-Krankenschwestern und Pfleger haben sich jetzt mit dem Vorwurf gemeldet, in ihren Kliniken sei man überhaupt nicht auf Ebola-Patienten vorbereitet. Ob Europas Spitäler wirklich gerüstet sind, bleibt dahingestellt.

Das Weiße Haus hat auf Krisen-Modus geschaltet, US-Präsident Barack Obama eine "schnelle Eingreiftruppe" der Gesundheitsbehörde CDC gegründet. Die soll dafür sorgen, dass auch schlecht vorbereitete Provinzkrankenhäuser im Ernstfall richtig handeln. 4000 US-Soldaten sollen in Westafrika dafür sorgen, dass die Krankheit dort eingedämmt wird und sich nicht über den ganzen Erdball ausbreitet.

In Europa haben die EU-Gesundheitsminister beschlossen, dass Visa-, Pass- und Flugdaten erhoben werden, um die Bewegung der Reisenden nachvollziehen zu können. Gespeichert wird das in einer gemeinsamen Datenbank. Ob das zum durchschlagenden Erfolg führt, darf bezweifelt werden. In Paris, Charle de Gaulle, gibt es ab Samstag direkte Kontrollen.