London. Ein am Donnerstag enthüllter Deal für größere schottische Selbstbestimmung hat in England zu neuer Frustration und zur Forderung nach mehr englischer Eigenständigkeit geführt. Auch Wales und Nordirland verlangen mehr Unabhängigkeit von London. Politische Beobachter glauben, dass sich das Vereinigte Königreich nun auf dem Weg zu einer echten Föderation befindet - dass es in absehbarer Zeit aber doch noch auseinanderbrechen könnte.

Bei den am Zusammenhalt des Landes interessierten "Westminister-Parteien" - den Konservativen, den Liberaldemokraten und der Labour Party - herrschen gemischte Gefühle über die neuen Befugnisse für Schottland. Entsprechende Reformen hatten die drei Parteien jedoch den Schotten vor dem Unabhängigkeits-Referendum im September feierlich versprochen - nur um das unmittelbar befürchtete Auseinanderfallen des Königreichs zu verhindern.

Mehr Kontrolle über Steuern

Von "erheblich mehr Selbstbestimmung" und sogar von "Home Rule" für Schottland war damals die Rede gewesen. Im Anschluss ans Referendum beauftragte Premierminister David Cameron den Finanzexperten Lord Smith of Kelvin damit, ein für alle Parteien akzeptables Maß an schottischer Autonomie zu finden. Was Smith mit den drei Westminster-Parteien, den schottischen Nationalisten und den schottischen Grünen vereinbarte, soll nun nach den Unterhauswahlen im Mai gesetzlich verankert werden. Schottland erhält dabei mehr Kontrolle über seine Steuern, über einen Teil seiner Sozialausgaben und über sein Wahlrecht.

Zentrale Neuerung ist, dass die Schotten künftig in Schottland erhobene Einkommenssteuern direkt verwerten und ihre Steuersätze nach eigenen Vorstellungen variieren können. Auch ein Teil der in Schottland kassierten Mehrwertsteuer und alle Einnahmen aus den lukrativen Flughafen-Gebühren fließen in Zukunft Edinburgh zu.

Damit dürfte es erstmals in Großbritannien auf gleiches Einkommen verschiedene Steuersätze geben. Nur den Steuerfreibetrag sowie Spar- und Aktienzinsen soll das Westminster-Parlament weiter fürs ganze Land festlegen. Auch Erbschafts-, Körperschafts- und Nordseeöl-Steuern werden weiterhin von London geregelt. Renten, Rentenbeiträge und Krankenversicherung bleiben ebenfalls gesamtbritische Angelegenheit. Dagegen gehen eine Reihe von Sozialausgaben in schottische Hand über.