Dresden/Wien. (da) "Wir lieben unsere Heimat", schrie Kathrin Oertel am Montag in ihr Mikrofon. "Deutsche Sitten, deutsche Bräuche, deutsche Kultur", forderte die Mitorganisatorin der seit neun Wochen Montags stattfindenden Demonstrationen in Dresden bei der vergangenen Kundgebung. Tosender Applaus der Teilnehmer folgte. Dabei hatte Pegida, das selbsternannte Bündnis "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" 15.000 Anhänger versammelt. Eine Woche zuvor waren es 10.000, am Anfang überhaupt nur einige hundert.

Pegidas Anhängerschar wächst auch in den Sozialen Medien. Auf Facebook sympathisieren schon 60.000 Personen mit der Gruppierung. Gleichzeitig sank zumindest am Montag die Zahl jener, die sich in Dresden zu einer Gegenkundgebung versammelt haben, von 9000 vergangene Woche auf 6000. Sie zogen mit Plakaten wie "Dresden für alle" durch die Stadt.

"Linksfaschisten" nennt Pegida seine Gegner. Doch wen halten die Gruppierung um ihren Initiator Lutz Bachmann und ihre Anhänger für ihre Gegner? Ständig macht der 41-Jährige, der wegen Drogenhandels und mehrerer Einbrüche vorbestraft ist, neue Feinde aus. Am Montag bezichtigte er die deutsche Regierung der "Kriegstreiberei" und kritisierte die Sanktionen gegen Russland. Diese würden Jobs gefährden. Er traf den Tenor im Publikum: "Putin, hilf uns" und "Frieden mit Russland" war auf Transparenten zu lesen.

Wettern gegen Autobahnmaut

Andere Teilnehmer haben weniger weltpolitische Forderungen: Im ARD-Nachtmagazin erklärte ein Mann, er sei auf die Pegida-Kundgebung gegangen, um gegen die geplante Einführung einer Pkw-Maut auf deutschen Autobahnen zu demonstrieren - die aber ohnehin deutschen Lenkern mit einer reduzierten KfZ-Steuer gegengerechnet wird. Ein weiterer Teilnehmer platzierte auf einem Transparent die Botschaft "Familienpolitik auf den Prüfstand, geschiedene Väter werden benachteiligt", auch "Parteien gute Nacht. Bürger an die Macht" war zu lesen.

Neben all jenen Botschaften, die auf verunsicherte Bürger und tiefe Skepsis gegenüber dem politischen Establishment deuten, spielt die Ausländerfeindlichkeit, die sich in der Furcht vor islamistischen Strömungen tarnt, eine zentrale Rolle in Dresden. Für eine "Null-Tolerenz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern und Migranten" plädiert Pegida. Der vorbestrafte Lutz Bachmann wird hingegen pardoniert. Auch Mitglieder der rechtsextremen NPD mischen sich einer "Spiegel"-Reportage zufolge ungehindert unter die Demonstranten.

Im Dunstkreis von ProNRW

Da Pegida in Dresden aber eben nicht nur aus Rechtsextremen besteht, sondern auch aus besorgten Bürgern, die sich sonst wenig für Politik interessieren, ist die Bewegung so schwer greifbar. Ganz anders in anderen Städten: Nur 300 Personen folgten am Montag dem Demonstrationsaufruf von Bogida (Bonner gegen Islamisierung des Abendlandes). In der früheren Hauptstadt versammelten sich rund 1600 Gegendemonstranten. Bogida reüssiert nicht, weil die Organisatoren nicht über rechtsextremes Publikum hinauskommen - aus dem sie selbst stammen. So sitzt Melanie Dittmer, die die Demonstration vom Montag angemeldet hat, im Landesvorstand der rechtsextremen Splitterpartei ProNRW.

Bachmann gibt sich überparteilich, und die Politiker der Regierungsparteien tun sich anhaltend schwer mit Pegida. Justizminister Heiko Maas (SPD) bezeichnete die Bewegung als "Schande für Deutschland". Gleichzeitig haben laut Umfrage 46 Prozent der sozialdemokratischen Anhänger Verständnis für Pegida; bei der konservativen Union sind es gar 54 Prozent. Während Kanzlerin Angela Merkel die Demo-Teilnehmer warnt, ausländerfeindlichen Strömungen in die Hände zu spielen, attackiert CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer Justizminister Maas. Jeder spricht für sich, statt gemeinsam gegen Pegida aufzutreten. Alexander Gauland, Vize der Euro-feindlichen Alternative für Deutschland, sympathisiert öffentlich mit Pegida - wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.