Österreichs Neutralität ist für Olexander Scherba kein Modell für die krisengeschüttelte Ukraine. - © Andreas Urban
Österreichs Neutralität ist für Olexander Scherba kein Modell für die krisengeschüttelte Ukraine. - © Andreas Urban

"Wiener Zeitung":Herr Botschafter, die österreichisch-ukrainischen Beziehungen sind seit den Zeiten der k.u.k.-Monarchie traditionell eng. Im aktuellen russisch-ukrainischen Konflikt aber drängten vor allem Polen und die baltischen Staaten auf Sanktionen gegen Russland. Wien gehörte zu den Bremsern. Hat das Image Österreichs in der Ukraine dadurch gelitten?

Olexander Scherba: Man hat in Kiew schon bemerkt, dass Österreich eine andere Position vertritt als Polen und die baltischen Staaten. Es war aber auch klar, dass es dafür Gründe gibt - Österreichs Wirtschaft ist ja in Russland stark vertreten. Es wird aber meine Aufgabe sein, darauf hinzuweisen, dass es in diesem Konflikt nicht nur um mögliche wirtschaftliche Verluste geht. In diesem Krieg ist die Ukraine, die überfallen wurde, im Recht. Wir sind das Opfer. Die Ukraine wird heute dafür bestraft, dass sie sich für Freiheit und Demokratie entschieden hat.

Kiew hat sich kürzlich entschlossen, einen Nato-Beitritt anzustreben. Nun hat Österreich der Ukraine sein eigenes Modell der Neutralität anempfohlen. Wäre das nicht eine mögliche Option für so ein heterogenes, zwischen Ost und West pendelndes Land?

Das lässt sich nur schwer vergleichen. Österreich hat gute Erfahrungen mit der Neutralität gemacht, Österreich wurde aber auch nicht von Russland angegriffen. So gesehen war der Zeitpunkt für den österreichischen Vorschlag nicht sehr gut gewählt. In der Ukraine hat sich, was die Nato betrifft, die Stimmung im vorigen Jahr komplett gedreht. Anfang 2014 waren in Umfragen nur 14 Prozent der Ukrainer für einen Nato-Beitritt, Ende 2014 waren es zwischen 55 und 60 Prozent. Wenn Russland beabsichtigt hatte, sich mit seiner Aggression vor einer Nato-Erweiterung zu schützen, dann hat es sich ins eigene Knie geschossen.

Russland könnte sich auch mit der Angliederung der Krim und dem Konflikt in der Ostukraine selbst geschädigt haben - immerhin sind damit die prorussischsten Gebiete der Ukraine weggefallen, und in Kiew überwiegt seitdem das prowestliche Lager. Ist der Verlust dieser Gebiete für Kiew so gesehen nicht verschmerzbar - oder vielleicht sogar ganz vorteilhaft?