Yanis Varoufakis, neuer griechischer Finanzminister (r.), verhandelt in Athen mit Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem über den griechischen Schuldenberg. - © ap/Pitarakis
Yanis Varoufakis, neuer griechischer Finanzminister (r.), verhandelt in Athen mit Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem über den griechischen Schuldenberg. - © ap/Pitarakis

"Wiener Zeitung":Herr Professor Givalos, wie ist der Wahlerfolg von Syriza bei den Parlamentswahlen in Griechenland am 25. Jänner zu erklären?

Menelaos Givalos: Der Erfolg, besser: Triumph von Syriza, ist darin begründet, dass die Vorgängerregierungen mit ihrer Krisenpolitik grandios gescheitert sind. Schon vor zwei, drei Jahren war klar, dass die sogenannten Anpassungsprogramme, hier in Griechenland nennen wir das "Memorandum-Politik", mit ihren strengen Spar- und Reformauflagen in eine Sackgasse führen würden.

Die rechtsextreme, offen ausländerfeindliche Goldene Morgenröte ("Chrysi Avgi") hat bei den jüngsten Parlamentswahlen mit gut sechs Prozent ihr Ergebnis der Doppelwahlen im Frühjahr 2012 in etwa wiederholen können, obgleich die komplette Parteispitze seit dem Mord an einen linken Hip-Hop-Sänger im September 2013 in Untersuchungshaft sitzt. Wie ist das möglich?

Das Phänomen der Goldenen Morgenröte ist besonders komplex. Ihre Wähler waren zuerst vor allem Krisenopfer. Sie wollten das ganze politische System abstrafen und verurteilen. Eine zweite Wählerkategorie der Goldenen Morgenröte sind die Griechen, für die Werte wie die nationale Identität und die nationale Souveränität von den Athener Regierungen verraten, mit den Füßen getreten worden sind. Für sie sind die bisherigen Athener Regierungen gegenüber den Gläubigern nur unterwürfig gewesen. Dann gibt es noch die unverbesserlichen Rassisten. Sie sind gegen die unkontrollierte illegale Einwanderung nach Griechenland. Diese dritte Kategorie stellt aber meiner Ansicht nach die Minderheit der Morgenröte-Wähler dar.

Im Mitte-Links-Spektrum haben zwar zwei Parteien, die ehemals omnipotenten Pasok-Sozialisten, und die noch junge "Fluss"-Partei (To Potami) den Sprung über die Drei-Prozent-Hürde geschafft, aber mit vier beziehungsweise sechs Prozent der Stimmen fürwahr keine Bäume ausgerissen. Weshalb?

Der Umstand, dass ausgerechnet eine Pasok-Regierung unter dem damaligen Premier Georgios Papandreou die öffentliche Gläubiger-Troika aus EU, EZB und Internationalem Währungsfonds und den damit einhergehenden harten Austeritätskurs ins Land gebracht hat, hat das gesamte Mitte-Links-Spektrum politisch, gesellschaftlich und ideologisch zusammenbrechen lassen. Das ist nicht zu unterschätzen. Die Pasok bildete immerhin dreißig Jahre lang den Grundpfeiler des politischen Systems in Griechenland.