Debalzewe/Kiew/Moskau. Mit der Intensivierung von Kriegshandlungen rund um das ostukrainische Debalzewe laufen auch propagandistische Bemühungen auf Hochtouren: Während Fernsehsender in Kiew über eigene Verluste schweigen, zielen staatsnahe Medien in Russland insbesondere auf eine Verängstigung der Ukrainer ab.

Freitagabend im russischen Staatssender "Rossija 24": Ein Meteorologe betritt das Fernsehstudio und anstelle einer Einstiegsfrage erklärt der Moderator, dass das Wetter in Debalzewe wohl nicht auf Seite der ukrainischen Armee stünde. Der Studiogast erwidert, dass es wohl für alle schwierig würde: "Aber die ukrainischen Soldaten sind umzingelt, sie befinden sich auf fremder Erde und die Atmosphäre wird ihnen zusätzliche Probleme schaffen." Durch warmes Wetter ausgelöster Nebel würde es den Ukrainern unmöglich machen, ihre Luftwaffe einzusetzen, sagt der Experte, der zudem eine noch stärkere Demoralisierung der Ukrainer durch den Wetterfaktor prognostiziert.

Die Schlacht um Debalzewe
Seit Freitag, dem 30. Jänner, ist die Schlacht um Debalzewe eines der zentralen Themen in ukrainischen, aber insbesondere auch in russischen Medien: Tags zuvor, am Donnerstag, waren Verbände der "Volksrepublik Donezk" im Kleinstädtchen Wuhlehirsk einmarschiert, das neun Kilometer westlich von Debalzewe liegt. Bei letzterem handelt es sich um einen strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunkt, der von ukrainischen Truppen kontrolliert wird

Die Kleinstadt Debalzewe wird seit Monaten im Osten, Süden und Westen von Einheiten pro-russischer Separatisten umstellt, die Verbindung nach Norden wird jedoch nach wie vor von ukrainischen Verbänden kontrolliert. Die Straße werde zwar beschossen, sie sei aber befahrbar, erklärte am Sonntag Pjotr Schelomowski gegenüber der APA. Der russische Fotograf hatte sich kurz zuvor in der Stadt aufgehalten.

Der Kessel von Debalzewe
Im russischen Staatsfernsehen klang dies am Wochenende bisweilen anderes: "Der Kessel von Debalzewe ist Tatsache, die ukrainischen Truppen sind umstellt", sagte Starmoderator Dmitri Kisseljow in der Anmoderation zu sonntäglichen Nachrichtensendung auf "Rossija 1". Im anschließenden ersten Beitrag ist von einem "Inferno" die Rede, zu sehen ist ein Auftritt von "Volksrepublik Donezk"-Anführer Aleksandr Sachartschenko. Dieser wandte sich am vergangenen Donnerstag im eroberten Wuhlehirsk via russische Fernsehkamera an ukrainische Soldaten: "Ihr habt euch den falschen Gegner ausgesucht. Wenn Ihr Euch ergebt, könnt Ihr überleben. Das ist Eure einzige Chance."

"Die Attacke auf Debalzewe wurde zurückgeworfen, der Feind zurückgeschlagen", hieß es Sonntagabend indes in den Hauptnachrichten von "1+1" in Kiew. Der Versuch von "russischen Terroreinheiten", die Stadt zu erobern, sei gescheitert, erklärt die Moderatorin des Fernsehsenders, der vom Oligarchen und Dnipropetrowsker Gouverneur Ihor Kolomojskyj kontrolliert wird.

Keinen Zweifel lässt "1+1", dass die Verbindung von Debalzewe mit der ukrainischen Außenwelt offen ist, militärische Verstärkung und Versorgung habe die Stadt erreicht, Stadtbewohner hätten sie über diese Route verlassen können: "Durch chaotischen Beschuss der Aufständischen besteht jedoch weiterhin die Gefahr von Artillerie getroffen zu werden." Und ein großväterlicher Armeegeneral betont gleich zwei Mal hintereinander, dass es keinen "Kessel" gebe.

Kritik an einer nahezu fahrlässig späten Evakuierung von Zivilisten aus Debalzewe, die zuletzt in Kiew laut wurde, fehlt in der Sendung, auch von gefallenen und gefangenen Soldaten ist auf "1+1" keine Rede. Betont wird der hingegen Heroismus der Ukrainer: Sogar während Sachartschenkos russischem Medienauftritt in Wuhlehirsk, so wird verkündet, sei im Hintergrund ein Leibwächter von einem ukrainischen Scharfschützen getroffen worden.