Athen/Berlin. (wak) Das Timing war für die deutsche Sicht der Dinge perfekt. Der jetzige griechische Kurs scheint die Finanzhilfen für das Land abrupt vertrocknen zu lassen. Denn just am Vorabend des Treffens des deutschen Finanzministers mit seinem griechischen Amtskollegen erklärte die Europäische Zentralbank, dass sie mit Mittwoch nächster Woche, den 11. Februar, die Sonderregelungen für den Einsatz von griechischen Staatsanleihen aufhebt.

Ab dann können griechische Banken griechische Staatsanleihen nicht mehr - wie andere Staaten - als Sicherheit bei der EZB hinterlegen, um sich Geld auszuborgen. Denn griechische Staatsanleihen gelten eigentlich auf dem freien Markt als "Ramsch", die EZB machte für Griechenland eine Ausnahme, solange das Land sich an den Sanierungsplan hielt, dessen Fortschritte die ungeliebte Troika aus EZB, Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission überwacht hatte. Doch die Troika wurde hinausgeschmissen, und Athen erklärte unter der neuen Regierung, man wolle entweder einen Schuldenschnitt oder eine Umschuldung, jedenfalls aber nicht mehr die aufgezwungene Austeritätspolitik.

Dass die EZB den Sonderstatus der griechischen Anleihen aufkündigen kann, war klar. Dass hat die EZB in der jüngeren Vergangenheit deutlich gemacht. Dass es aber ausgerechnet jetzt passiert - wo doch erst am 28. Februar offiziell das zweite EU-Hilfsprogramm abgeschlossen wird - sorgt für Verwunderung. Kritiker argumentieren auch, dass diese Aufkündigung der Sonderbehandlung - sowie die Sonderbehandlung - nirgends in den EZB-Statuten geschrieben steht, obwohl die EZB beteuert, keine andere Wahl zu haben: "Die Aussetzung geschieht gemäß der Regeln des Eurosystems. Denn im Moment kann man nicht davon ausgehen, dass das Reformprogramm erfolgreich abgeschlossen wird."

Trotzdem: Der Vorwurf politisch motivierter Entscheidungen von einer nicht demokratisch-gewählten Institution wurde in den darauf folgenden Stunden wieder laut. "Wir lassen uns nicht erpressen", erklärte der griechischer Regierungssprecher in der Nacht. Die konservative Zeitung "Eleftheros Typos" schreibt von einer "Bombe Draghis" und (Kanzlerin Angela) Merkel "mauert zu", die linksgerichtete Zeitung "Efimerida ton Syntakton" von einer "psychologischen Kriegsführung seitens des EZB-Chefs". Alles sei "von Berlin und der Merkel-Regierung inszeniert".

Dass die EZB-Ausnahmeregelung für Griechenland just am 11. Februar ausläuft, an dem es voraussichtlich auch zu einem Sondertreffen der Euro-Finanzminister kommen wird, kann ebenfalls kein Zufall sein. Am darauf folgenden 12. Februar beraten die Staats- und Regierungschefs, und es wird voraussichtlich dann zum ersten Treffen zwischen Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel und dem neuen griechischen Premierminister Alexis Tsipras kommen. Und nun traf am Donnerstag, nach der spektakulär verkündeten EZB-Entscheidung, über die selbst ein EZB-Sprecher auf Twitter zugab, dass die Kommunikation durchaus besser hätte ablaufen können, der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis auf seinen deutschen Kollegen Wolfgang Schäuble.

Wenig überraschend forderte Schäuble Varoufakis auf, die Gespräche mit den Kontrolloren der Sparauflagen wieder aufzunehmen. Deutschland respektiere die Entscheidung der griechischen Wähler, aber Athen müsse seine Verpflichtungen einhalten, sagte Schäuble. "Verlässlichkeit ist die Voraussetzung von Vertrauen", sagte Schäuble. Er wiederholte sein Angebot an Griechenland, bei der Reform der Steuerbehörden zu helfen. Deutschland lehnt einen Schuldenschnitt für Griechenland ab. Auch zu anderen Vorschlägen zur Erleichterung der griechischen Schuldenlast zeigte er sich skeptisch. Man sei sich nicht einmal einig, sich nicht einig zu sein, sagte der Deutsche nach dem Treffen, bei dem es um Vorschläge Athens zu einer Umschuldung Griechenlands ging.

Was bedeutet das Muskelspiel der EZB genau? Nun, griechische Banken verfügen laut den Berechnungen des irischen Ökonomen Karl Whelan ohnedies nur noch über griechische Staatsanleihen im Wert von acht Milliarden Euro. Also könne sie die Kappung dieser Kreditlinie nicht allzu hart treffen. Im November hatten sich die griechischen Banken 45 Milliarden Euro von der EZB besorgt - und wohl zu einem überwiegenden Anteil nicht über die Hinterlegung von Staatsanleihen.

Zudem hat die EZB einem Bericht der "Welt" zufolge die Obergrenze für Notfallkredite der griechischen Notenbank auf bis zu 60 Milliarden Euro angehoben. Die EZB lehnte eine Stellungnahme dazu ab. Mit diesen Notfall-Liquiditätshilfen (ELA) kann die Notenbank die griechischen Banken im Fall des Falles versorgen, der EZB-Rat kann Höchstgrenzen dieser Geldspritzen festlegen. Damit bleibt die Finanzierung der griechischen Banken fürs erste gesichert, wenngleich sie etwas teuerer wird.

Dass nichts so heiß gegessen wird, wie es auf den Tisch kommt, wurde auch den Märkten klar, die nach der EZB-Ankündigung in den Keller rasselten: Gegen Redaktionsschluss erholte sich die Athener Börse, der Euro gewann sogar leicht gegenüber dem Dollar.