Kiew/Moskau/Wien. (vee/apa) "Letzte 30 Minuten in #Donezk Artillerie, wie selten zuvor letzte Woche. Konflikt? Verdammt Hier ist KRIEG, wann kapiert Europa das endlich?", schrieb der deutsche Journalist Dirk Emmerich Sonntagabend auf dem Kurznachrichtendienst Twitter aus der ostukrainischen Stadt. Nur wenige Stunden später machten in sozialen Medien Videos die Runde, die eine massive Explosion in Donezk mit einer Pilzwolke zeigten, die die gesamte Umgebung sekundenlang erhellte. Die Schockwelle war lokalen Medien zufolge in der ganzen Stadt spürbar, vielerorts barsten Fenster. Ersten Informationen zufolge hatte das ukrainische Militär eine Chemiefabrik getroffen oder ein Waffenlager der selbst erklärten "Donezker Volksrepublik". Die Explosion jedenfalls habe "Panik in der Bevölkerung" ausgelöst, schrieb der rechtsradikale ukrainische Parlamentsabgeordnete Dmytro Jarosch auf seiner Facebook-Seite.

Unterdessen brachten die Milizen der nicht anerkannten "Donezker Volksrepublik" nach eigenen Angaben die einzige Versorgungsroute für die eingeschlossenen ukrainischen Regierungstruppen in Debalzewo unter ihre Kontrolle. Die "Volkswehr" habe am Montagvormittag die Ortschaft Logwinow "von den ukrainischen Militärkräften befreit und unter ihre Kontrolle gebracht", teilte der Stab der "Donezker Volksrepublik" der russischen Agentur Ria Novosti mit.

Debalzewo, knapp 50 Kilometer nordöstlich von Donezk, ist einer der größten Eisenbahn-Knotenpunkte des Landes. Im Juli hatte die Armee Debalzewo und umliegende Dörfer erobert und dort 7000 bis 10.000 Soldaten konzentriert. Am 1. Februar teilten die Donezker Milizen mit, im Raum Debalzewo mehrere tausend ukrainische Soldaten in einen Kessel getrieben zu haben.

Gleichzeitig erhob Kiew erneut schwere Vorwürfe gegen Russland. Über das Wochenende sollen rund 1500 russische Soldaten in die Ukraine vorgedrungen sein. Sie hätten die Grenze mitsamt militärischer Ausrüstung, darunter Raketensystemen, überquert, erklärte Armeesprecher Andrej Lyssenko am Montag. Moskau wies bisher Vorwürfe, die Rebellen zu unterstützen, immer zurück.

Obama und Merkel drohen

Zwei Tage vor dem für Mittwoch geplanten Ukraine-Krisengipfel im weißrussischen Minsk rangen Politiker und Diplomaten in Brüssel, Berlin und Washington um eine Lösung zur ehestmöglichen Entschärfung der Situation. Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier warnte davor, die deutsch-französische Friedensinitiative (im Zuge dieser waren die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande in der Vorwoche in Kiew und Moskau) schon als Erfolg zu werten. Die Vorbereitungen für den "von vielen erwünschten, hoffentlich möglichen" Gipfel in Minsk seien noch nicht abgeschlossen, betonte er beim EU-Außenministertreffen in Brüssel. Die Außenminister hatten sich darauf geeinigt, die beschlossene Erweiterung der Sanktionsliste um neun Entitäten und 19 Personen einstweilen nicht umzusetzen, um den Gesprächen eine Chance zu geben.

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel erläuterte US-Präsident Barack Obama am Montagnachmittag im Weißen Haus die Friedensinitiative. Vor ihrer Reise bekräftigte sie ihr striktes Nein zu Waffenlieferungen an die Regierung in Kiew. Nach dem Treffen drohten Obama und Merkel dem Kreml mit weiteren Sanktionen. Obama schloss die Lieferung von Waffen an Kiew nicht aus.

"Geduld und Durchhaltewillen"

Litauens Außenminister Linas Linkevicius plädierte im Falle eines Scheiterns der Initiative für Waffenlieferungen. "Wir sollten die Ukraine auch in militärischer Hinsicht unterstützen."

Neben Deutschland sprachen sich auch Österreich, die Slowakei und laut Ria Novosti auch die Niederlande und Spanien dezidiert gegen Waffenlieferungen aus.

Merkel hatte erst am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz für mehr Geduld und Durchhaltewillen geworben. Die Kanzlerin fürchtet, dass neue Waffen für Kiew nur eine weitere Aufrüstung der Aufständischen durch Moskau zur Folge hat. Befürworter von militärischer Hilfe argumentieren, fehlende Verteidigungskapazitäten der ukrainischen Armee hätten erst zu Offensiven gegen diese und zur Eskalation geführt.

Auch wenn es viele Rufe in den USA für Militärhilfe gibt - letztlich entscheidet alleine Obama. Von ihm hieß es bisher: zunächst keine Waffen. Sein Außenminister John Kerry ließ aber wissen: "Je länger das dauert, desto höher wird der Preis" für Russlands Präsident Wladimir Putin.