Kiew. Das Waffenstillstandsabkommen bleibt Fiktion.Nach monatelangen Gefechten haben die Separatisten die ostukrainische Stadt Debalzewo weitgehend eingenommen. Damit schwindet wenige Tage nach dem Minsker Gipfel so gut wie jede Hoffnung auf baldigen Frieden in der Kriegsregion. "Nur ein paar Wohnviertel sind noch übrig, dann haben wir den Ort völlig unter Kontrolle", sagte Separatistensprecher Eduard Bassurin am Dienstag. Er sprach von "zahlreichen Gefangenen und vielen Toten". Beide Seiten warfen sich vor, die vereinbarte Waffenruhe nie eingehalten zu haben.

Rückzug aus Debalzewo. - © ap/Petr David Josek
Rückzug aus Debalzewo. - © ap/Petr David Josek

Die ukrainische Regierung bestätigte die weitgehende Einnahme von Debalzewo. "Straßenkämpfe dauern an", teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Die Aufständischen setzten Artillerie und Panzertechnik ein. Regierungstreue Einheiten seien im Einsatz, um den Gegner aufzuhalten. Die prowestliche Führung warf den Aufständischen den Bruch der Vereinbarungen von Minsk vor.

Noch Stunden zuvor hatte der Armeesprecher Andrej Lysenko in einem vom Fernsehen übertragenen Pressebriefing Dienstagmittag in Kiew militärische Erfolge der Separatisten dementiert. Die Soldaten würden ihre Positionen weiter verteidigen. Berichte der Rebellen, diese hätten den Bahnhof am östlichen Stadtrandbereits unter Kontrolle gebracht seien falsch. "Die Separatisten kontrollieren dort gar nichts", so Lysenko Dienstagmittag.

Rückzug aus Debalzewo. - © ap/Petr David Josek
Rückzug aus Debalzewo. - © ap/Petr David Josek

Debalzewo ist mit etwa 25.000 Einwohnern nicht nur ein wichtiger Eisenbahn-Knotenpunkt und deshalb für beide Seiten von enormer strategischer Bedeutung. Die Frage, unter wessen Kontrolle die Stadt steht, ist auch entscheidend bei späteren Verhandlungen über den Verlauf der endgültigen Demarkationslinie - sollten diese je zustanden kommen, wonach es derzeit aber ohnehin nicht aussieht. Laut Interims-Waffenstillstandslinie fällt Debalzewo unter Kiews Kontrolle. Die vom Kreml unterstützen Separatisten versuchen aus diesem Grund mit allen Mitteln, die angeblich belagerte Stadt gänzlich einzunehmen und am Boden neue Fakten zu schaffen.

Schwere Waffen bleiben vorerst

Der vorige Woche in der weißrussischen Hauptstadt getroffenen Vereinbarung nach hätten die ukrainische Armee und die prorussischen Separatisten in der Nacht auf Dienstag mit dem Abzug ihrer schweren Waffen hinter die Waffenstillstandslinie beginnen müssen. Doch beiden Seiten weigerten sich bisher. "Es gibt vonseiten der Aufständischen keine wirkliche Waffenruhe, deshalb sind die Voraussetzungen (für einen Abzug) nicht gegeben", sagte Lysenko in Kiew. Die ukrainische Armee sei weiter bereit zur Bildung einer Pufferzone. "Unsere Stellungen werden aber wiederholt unter Feuer genommen", beklagte er. Ohne Ende der Kampfhandlungen kein Abzug des Kriegsgeräts, lautete die Losung auf beiden Seiten der Front. Unklar war, wie es nach einem möglichen Ende der Schlacht um Debalzewo weitergeht.