Chisinau. (rs) Wie die Fronten verlaufen, war im Wahlkampf klar ersichtlich gewesen. Während das seit 2009 regierende pro-europäische Lager sich für eine Fortsetzung des Westkurses Moldawiens starkmachte, plakatierten die Sozialisten großflächig ein Foto, das ihren Chef Igor Dodon mit Russlands Präsident Wladimir Putin zeigte.

Dass die von Dodon erst vor drei Jahren gegründete Partei mit 21,42 Prozent stärkste Einzelkraft im moldawischen Parlament wurde, war auch die größte Überraschung der Ende November abgehaltenen Wahl gewesen. Die Geschicke des Landes, das ähnlich wie die Ukraine zwischen EU und Russland zerrissen ist, werden allerdings andere bestimmen. Zweieinhalb Monate nach dem als Richtungsentscheid gewerteten Urnengang stimmten am Mittwochabend 60 der 101 Parlamentsabgeordneten für das pro-europäische Kabinett des Liberaldemokraten Chiril Gaburici.

Für die Wahl des 38-jährigen Geschäftsmannes zum neuen Premierminister hatten die Allianz aus Liberaldemokraten (PLDM) und Demokraten (PD) die Stimmen der Kommunisten (PCRM) benötigt. Diese hatten erst in der vergangenen Woche ein Kabinett abgelehnt, das bis auf den Kandidaten für den Premiersposten identisch mit dem nun gewählten war. Vielen Kommentatoren zufolgen war der pro-europäische Kurs, den der bisherige Regierungschef Iurie Leanca in den letzten Jahren eingeschlagen hatte - unter anderem wurde letztes Jahr trotz lautstarker Proteste aus Moskau ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet -, den konservativ eingestellten Kommunisten unter Wladimir Woronin ein Dorn im Auge. Woronin hatte im Vorfeld des Votums aber erklärt, "einen Premierskandidaten aus der Wirtschaft" eventuell unterstützen zu wollen.

Einige Beobachter sehen daher in Gaburici den "Mann der Kommunisten" und kritisieren seine Wahl als Kapitulation vor der KP. Sie glauben, der Unternehmer werde erpressbar sein, weil seine Minderheitsregierung für politische Entscheidungen von den Stimmen der kommunistischen Parlamentarier abhängig ist.

Vor vier Tagen hatte sich Gaburici jedoch klar zu einem Westkurs bekannt: Er wolle "die pro-europäische Richtung des Landes" weiterführen, hatte er erklärt. Die Nominierung des bisher eher politikfernen Unternehmers stellt eine Überraschung in der politischen Szene der Ex-Sowjetrepublik dar. Gaburici hat nach seinem Wirtschaftsstudium zwischen 2001 und 2012 beim Telecom-Unternehmen Moldcell, dessen Generaldirektor er ab 2008 war, Karriere gemacht. Laut Medienberichten hatte er dort als Chauffeur angefangen und wurde später Verkaufsvertreter.

Die Glaubwürdigkeit des neuen Premiers wird sich wohl auch daran messen, ob es ihm gelingt, die stark angeschlagene moldawische Wirtschaft durch die Anziehung ausländischer Investoren zu revitalisieren.

Seit Beginn des Westkurses hat Russland den Druck auf Moldawien stetig erhöht. 2013 stoppte Moskau den Import von Wein, der zu den wichtigsten Exportgütern des 3,5-Millionen-Einwohner-Landes gehört. 2014 folgten dann Embargos gegen Obst, Gemüse und Fleisch. Moldawien ist zudem auf Gaslieferungen aus Russland angewiesen. Moskau ließ die Preise zuletzt fast auf Marktpreisniveau steigen, früher galten Freundschaftspreise. Wegen der niedrigen Löhne in einem der ärmsten Länder Europas arbeiten mehr als 350.000 Moldauer in Russland. Und mit dem von Moldawien abtrünnigen Transnistrien, in dem Russland Truppen stationiert hat, verfügt Moskau zudem über ein Faustpfand, das seit der Annexion der Krim nochmals an Gewicht gewonnen hat.