Sarajevo. Die Innenstädte von Sarajevo und Banja Luka sind heute noch voll mit Wahlplakaten, auf denen Parteien aller Couleur "ein normales Land" und "Lösungen statt Slogans" versprechen. Oder auch die Bekämpfung der horrenden Arbeitslosigkeit, die unter den jungen Menschen in Bosnien-Herzegowina bei mehr als 60 Prozent liegt.

Wie weit man von einem "normalen Land" allerdings noch entfernt ist, zeigt allein das Ringen um politische Ämter, das derzeit in die letzte Runde geht. Bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im vergangenen Oktober hatten erneut die nationalistischen Parteien gewonnen. Jene Kräfte, die sich vor zwanzig Jahren militärisch begegneten, bekamen mit dem Versprechen von Stabilität die meisten Stimmen.

Seit knapp vier Monaten versuchen die Vertreter der drei ethnischen Gruppen nun schon, sich über die Zusammensetzung der neuen Regierung zu einigen. Dabei gaben sich die Politiker immer wieder gegenseitig die Schuld für die miserable Wirtschaftslage, sie warfen den jeweils anderen Korruption vor und stellten manchmal sogar die Zusammenarbeit mit den jeweils anderen Ethnien in Frage.

Eine Einigung unter den ethnisch definierten und von Korruption geprägten politischen Kräften ist jedes Mal eine wahre Quadratur des Kreises. Dementsprechend stehen die Chancen für eine Überwindung der tiefen sozialen Krise alles andere als gut. Der Hauptgrund dafür liegt nahe: Das hochkomplexe und ineffiziente politische System, das 1995 mit dem Dayton-Abkommen in der Verfassung des Landes festgeschrieben wurde, bietet wenig Spielraum für die Durchsetzung tiefgreifender Reformen, die die Wirtschaft ankurbeln und die Gesellschaft gerechter organisieren könnten.

Nicht nur die grassierende Korruption plagt die aufgeblähte öffentliche Verwaltung, wo seit Jahren die EU-Hilfsgelder in den Taschen von Politikern und Beamten versickern. Auch die allgegenwärtige nationalistische Rhetorik der wichtigsten Parteien führt dazu, dass Themen auf der Agenda landen, die nur einer Volksgruppe nutzen.

"Alle wollen Deutsch lernen"


Doch bisher konnte keine Alternative identifiziert werden: So wurde bei den Wahlen Bakir Izetbegovic, Sohn und Nachfolger des Staatsgründers Alija Izetbegovic, als bosniakisches Mitglied der dreiköpfigen Staatspräsidentschaft im Amt bestätigt. Seine Partei der Demokratischen Aktion (SDA) bleibt die populärste politische Kraft unter den muslimischen Wählern. Sie bekommt jetzt die meisten Posten in der neuen Regierung und darf auch den Ministerpräsidenten stellen. Der Sarajevoer Architekt Denis Zvizdic wird laut der am Montag unterzeichneten Vereinbarung das neue Kabinett führen.