Kiew/Wien. (apa/dpa/reu/klh) Es ist eine Front, die mit auffälliger Regelmäßigkeit aufbricht, sobald in der Ostukraine die Waffen schweigen: der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. Und auch nun - während die ukrainische Armee begonnen hat, ihre schweren Waffen aus dem Donbass abzuziehen - flammt dieser Konflikt wieder auf. Russland droht nämlich, seine Lieferungen in die Ukraine einzustellen. Das hat auch die EU auf den Plan gerufen, die nun - wieder einmal - zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln versucht. Energie-Kommissar Maros Sefcovic hat die Energieminister beider Staaten für Montag zu einem Dreiertreffen in Brüssel eingeladen, sagte seine Sprecherin am Donnerstag.

Die Ukraine muss für Gaslieferungen aus Russland im Voraus bezahlen. Nun wirft der russische Energieriese Gazprom dem ukrainischen Versorger Naftogaz vor, zu wenig für bestellte Gasmengen überwiesen zu haben. Naftogaz wiederum beschuldigte die russische Seite, bereits bezahltes Gas nicht zu liefern.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat jedenfalls bereits vehement eine weitere Vorauszahlung der Ukraine gefordert. Sonst werde in den nächsten Tagen der Gashahn abgedreht. "Das könnte natürlich auch den Transit nach Europa, zu unseren europäischen Partnern gefährden", betonte Russlands Staatschef. Etwa die Hälfte des für Europa bestimmten Gases aus Russland wird durch die Ukraine geleitet.

Schon von Juni bis Dezember vergangen Jahres hatte Russland der Ukraine kein Gas geliefert - bis man sich auf Vermittlung der EU auf ein Winterpaket geeinigt hatte. Nun steht der Frühling vor der Tür, und die Prognosen sagen warmes Wetter für die Ukraine voraus, weshalb Kiew diesmal gelassener in die Verhandlungen gehen kann. Zudem wird beteuert, dass noch einiges in den ukrainischen Speichern liege. Die künftigen Zahlungen an Russland könnten aber immer schwerer werden, wenn die Talfahrt der ukrainischen Wirtschaft weitergeht - das Land steht knapp vor dem Staatsbankrott.

Moskau stellt Ansprüche Kiews auf Ostukraine in Frage


Der nun ausgebrochene Streit dürfte aber auch taktischer Natur sein: Der derzeitige Gasdeal läuft Ende März aus, beide Seiten bringen sich schon für die Verhandlungen für die Nachfolgelieferungen in Stellung.

Allerdings geht es in dem Konflikt nun nicht mehr nur darum, ob geliefert wird, sondern auch darum, wer wohin liefert. Und diese Frage hat große Brisanz, es ist ein Streitpunkt, der die Abspaltung von Teilen der Ostukraine von Kiew weiter vorantreiben könnte. So hat die ukrainische Führung nun verkündet, die von Russland unterstützten Volksrepubliken Donezk und Luhansk nicht mehr mit Gas zu versorgen. Kiew wirft den Rebellen vor, das Leitungsnetz mutwillig beschädigt zu haben, um direkt von Russland versorgt zu werden.

Tatsächlich scheint Russland nun Gas in die Region zu liefern - und will es der Ukraine in Rechnung stellen. Die Regierung in Kiew denkt aber nicht daran, dafür zu zahlen. In Russland werden nun Stimmen laut, die andeuten, dass die Ukraine keinen Anspruch mehr auf dieses Territorium stellen kann, wenn Kiew diese Gebiete nicht versorgen kann. "Die ukrainische Seite sollte sagen: Das ist die Ukraine - oder das ist nicht die Ukraine", sagte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow.

Sonst kamen am Donnerstag aber auch positive Nachrichten aus der Ukraine: Knapp zwei Wochen nach den Friedensverhandlungen in Minsk hat die Ukraine mit dem Abzug schwerer Waffen von der Front im Osten des Landes begonnen. Unter Aufsicht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) würden 100-Millimeter-Kanonen abtransportiert, sagte ein Militärsprecher am Donnerstag in Kiew.

Kiew warnt vor Angriff der Rebellen auf Mariupol


Die prorussischen Separatisten hatten bereits vor zwei Tagen den Rückzug von schwerem Gerät eingeleitet. Damit scheint sich abzuzeichnen, dass der anfangs nicht eingehaltene Waffenstillstand zwischen Regierungstruppen und Rebellen doch noch zustande kommt. Allerdings warnt die Kiewer Regierung seit Tagen, die Aufständischen würden ihre Kräfte in die Region um die Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer verlegen. Dort sei eine neue Offensive zu befürchten.

Dem Minsker Abkommen zufolge soll entlang der Front im Osten der Ukraine ein entmilitarisierter Korridor eingerichtet werden, wofür der Abzug schwerer Waffen Voraussetzung ist.