Athen/Berlin. (da/ag) Sei es in Regierung oder Opposition, bisher haben die deutschen Sozialdemokraten die Euro-Krisenpolitik von CDU/CSU stets mitgetragen. Nun könnte es innerhalb der SPD zur Kraftprobe kommen, und verantwortlich dafür ist die Besetzung Griechenlands durch das NS-Regime von 1941 bis 1944. Stets lautete die Regierungslinie, das Thema sei spätestens mit der Wiedervereinigung Deutschlands erledigt, denn der damals geschlossene "Zwei-plus-Vier-Vertrag" mit den Weltkriegs-Siegern sieht keine weiteren Reparationen vor.

"Politisch ist der Fall aus meiner Sicht eindeutig: Wir sollten auf die Opfer und deren Angehörige finanziell zugehen", sagt nun hingegen Gesine Schwan zu "Spiegel Online". Die 71-Jährige gilt als moralisches Gewissen der SPD; obwohl sie als Präsidentschaftskandidatin 2004 und 2009 aufgrund der konservativ-liberalen Mehrheit in Bundestag und Bundesrat scheiterte, gewann sie parteiübergreifend an Respekt. Auch war Schwan langjährige Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), einem Modellprojekt für die deutsch-polnische Kooperation.

Varoufakis reicht ein Euro

300.000 Griechen starben alleine in den beiden Wintern 1941/42 und 1942/43 an Hunger, da Produktionsmittel vom deutschen Besatzungsregime systematisch geplündert wurden. Zudem kam es zu Kriegsverbrechen wie dem Massaker von Distomo, bei dem 218 Kinder, Frauen und Greise im Juni 1944 ermordet wurde. Auch finanziell litt das besetzte Griechenland enorm unter dem NS-Terrorstaat und musste ihm 1942 einen Zwangskredit über 476 Millionen Reichsmark gewähren - das entspricht nach heutigem Wert bis zu elf Milliarden Euro.

Der stellvertretende SPD-Chef Ralf Stegner unterstützt Schwan, Zustimmung kommt auch von Grünen-Chef Anton Hofreiter. CDU und CSU machten umgehend klar, was sie von Reparationszahlungen halten: nichts. Von einem "billigen Ablenkungsmanöver" der griechischen Regierung sprachen der parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Michael Grosse-Brömer, und Gerda Hasselfeldt, CSU-Landesgruppenchefin. Sie forderten Athen auf, sich auf die Umsetzung der Reformen zu konzentrieren.

Die griechische Regierung fährt einen rhetorischen Zick-Zack-Kurs. Erst brachte sie die Reparationszahlungen ins Spiel. Andererseits sagte Finanzminister Yanis Varoufakis: "Ich persönlich wäre glücklich, wenn ein Euro gezahlt würde, wenn nur die moralische Schuld anerkannt wird." Das sagte der Ökonomieprofessor bereits am Sonntag bei der Talkshow "Günther Jauch", die Aussage wurde aufgrund eines Übersetzungsfehlers erst am Dienstag bekannt.

Varoufakis steht in der Kritik, seit in der Sendung ein Video gezeigt wurde, in dem er der deutschen Politik den Mittelfinger zeigt. Der Minister sieht das Video als "frisiert" an, CDU-Fraktionschef Volker Kauder bezichtigt Varoufakis der Lüge.

Premier Alexis Tsipras beantragte derweil ein Fünfer-Treffen mit Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsidenten Francois Hollande, Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, und dem EU-Ratsvorsitzenden Donald Tusk beim EU-Gipfel am Donnerstag. Ein pikanter Termin findet am 8. April statt. Dann reist Tsipras zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin, der als Geldgeber bereitstünde.