Tripolis. Yakintee Mamadu zitterte am ganzen Leib. Nur wenige Stunden war es her, als den jungen Mann - er stammt aus der Elfenbeinküste - Einsatzkräfte aus einem gekenterten Fischkutter vor der Küste Libyens gerettet hatten. 169 Menschen waren an Bord des Schiffes gewesen, sie alle wurden an einem eiskalten Morgen im Dezember gerettet. Es war aber nicht der Schock darüber, knapp dem Tod entronnen zu sein, warum Yakintee Mamadu völlig verzweifelt war, als ihn die "Wiener Zeitung" in einem Auffanglager in Libyens Hauptstadt Tripolis traf. "Sie haben mich geschlagen", wiederholte er wieder und wieder.

Was danach mit Yakintee Mamadu und seinen Schicksalsgenossen geschah, entbehrte jeder Menschenwürde. Zusammengepfercht, misshandelt und getreten wurden die Flüchtlinge von den Mitarbeitern der Behörden der damals noch einigermaßen intakten libyschen Regierung. Scham empfanden die Peiniger nicht. Sie erlaubten, dass Reporter bei der Folter zusahen.

Die Lage hat sich für
die Flüchtlinge verschärft


Seither hat sich viel verändert: Die Lage ist schlimmer geworden. Viel schlimmer. So sind Reportagen wie diese heute nicht mehr möglich. Längst tobt in Libyen ein gnadenloser Bürgerkrieg, ausländische Reporter können sich hier nicht mehr frei bewegen, kaum noch eine internationale Vertretung wagt, ihre Büros zu öffnen oder gar Diplomaten zu stationieren. Morde auf offener Straße, Bombenanschläge und Entführungen sind an der Tagesordnung.

Auch ein österreichischer Mitarbeiter einer Öl-Firma ist seit über einem Monat in Geiselhaft. Mutmaßlich wurde er von den radikal-islamistischen Anhängern der Terrororganisation IS in Libyen entführt. Die Tatsache, dass diese Extremisten, die sich mit den wahnwütigen Milizen in Teilen Syriens und des Iraks verbündeten, bedeutet auch eine Verschärfung der fürchterlichen Lage der Flüchtlinge.

"Ich musste aus Libyen weg. Einfach nur, um zu überleben. So rasch es nur irgendwie ging", sagte Mamadou, ein 18-Jähriger aus dem Mali in einem Interview mit der britischen Tageszeitung "The Telegraph". Er und zahlreiche andere Jugendliche berichteten dabei von unvorstellbaren Übergriffen; auch davon, dass sie einige gesehen hätten, die geköpft wurden. Die Flüchtlinge dürften nicht übertrieben haben. Nun tauchte ein Video des IS auf, in dem die Enthauptung von 30 Äthiopiern nahe der Küstenstadt Bengasi zu sehen ist. Die äthiopische Regierung hat die Authentizität des fürchterlichen Vorfalls bestätigt.