Wien. Die Routen waren strikt voneinander getrennt. Bis zu 350 Polizisten sorgten dafür, dass keine Funken von einer zur anderen Demo übersprangen. Eigentlich ging es Freitag Abend um das stille Gedenken an 1,5 Millionen Armenier, die vor 100 Jahren von den Osmanen ermordet wurden. Die Frage, ob es Genozid war oder nur eine Tragödie in den Wirren des Ersten Weltkrieges, ging aber wie ein Riss durch Wien und die drei Demos.

Die Armenier marschierten unterstützt von Kurden, Österreichern und großteils linken türkischen Gruppen, die auf der armenischen Seite der Geschichtsschreibung stehen, vom Wiener Resslpark über den Ring zum Parlament, um der Toten zu gedenken. Ein zweiter "March for Justice" führte mit gut 500 Personen vom Stephansplatz zum Karlsplatz und skandierte "100 Jahre Genozid an den Armeniern - 100 Jahre Ungerechtigkeit".

Auf der anderen Seite der Geschichte marschierten 8000 Teilnehmer vom Westbahnhof zum Ballhausplatz gegen die "Lüge des Völkermordes"; angemeldet waren 5000. Organisiert wurde die Demo zentralstabsmäßig von der Plattform der türkischen Vereine. In ganz Wien hatten diese mit Plakaten zur Demo aufgerufen.

Erdogan-Fans
in der Überzahl


Dass dieser hochemotionale Kampf um die armenisch-türkische Geschichte Widerhall auf den Straßen Wiens findet, ist angesichts der großen türkischen Community in Wien die Normalität einer europäischen Metropole. Warum erhält die geschichtsrevisionistische Version aber derart viel Zuspruch unter den Austrotürken, wenn selbst das österreichische Parlament offiziell von Völkermord an den Armeniern spricht?

"Uns irritiert das. In der Türkei entspricht die Position dieser Demonstranten aber der offiziellen Staatsräson. Deswegen schließen sich so viele Verbände der Demo gegen die Version vom Genozid an", sagt der Soziologe mit kurdisch-türkischen Wurzeln, Kenan Güngör. Unter den Austro-Türken sind die Anhänger von Premier Recep Erdogan, der wegen der Haltung des österreichischen Parlaments sogar den österreichischen Botschafter abzog, klar in der Überzahl.

Immerhin hat Erdogan den Nachfahren der Opfer der Massaker an den Armeniern sein Beileid ausgesprochen. "An diesem Tag, der für unsere armenischen Bürger eine besondere Bedeutung hat, gedenke ich aller Osmanischen Armenier mit Respekt, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges ihr Leben verloren haben", erklärte Erdogan.

Güngör sieht den Völkermord historisch gut belegt und marschierte wie viele andere Kurden auch bei der Kundgebung der Armenier mit. "Es geht ums Innehalten und Gedenken an 1,5 Millionen Tote." Ihn stört, dass "dieses Drama durch die Genozid-Debatte in den Hintergrund" rückte.

Praktisch lässt sich die harte Haltung der Türkei in der Armenien-Frage mit der Angst vor Reparationszahlungen erklären. Aus emotionaler Sicht würde eine Anerkennung des Genozids der Selbstglorifizierung der Türkei unter Erdogan zuwiderlaufen. Er veredelt die Geschichte und präsentiert sie möglichst unbefleckt. In der Türkei sei trotzdem einiges in Bewegung geraten, sagt Güngör. Vor 15 Jahren sei man noch als Vaterlandsverräter eingesperrt worden, wenn man die Rolle der Türkei hinterfragte. Heute diskutiere man auf Veranstaltungen offen darüber. Anstatt alles zu leugnen, sei heute von der "großen Tragödie in den Wirren des Ersten Weltkrieges" die Rede. Gut möglich, dass Türken und Armenier beim 150. Gedenken an den Völkermord gemeinsam innehalten.

Wunsch nach Aufarbeitung wächst in Zivilgesellschaft


In der Türkei selbst wächst unter der Zivilbevölkerung der Wunsch nach Aufarbeitung und Anerkennung des Völkermords. So haben erst im Jänner - acht Jahre nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink - tausende Menschen in Istanbul bei einem Trauermarsch des Toten gedacht. Teilnehmer trugen Schilder mit Aufschriften wie "Wir sind alle Hrant" und "Wir sind alle Armenier". Dink, Chefredakteur der Wochenzeitung "Agos", war am 19. Jänner 2007 am helllichten Tag von einem 17-jährigen Ultranationalisten erschossen worden. Dink hatte sich für Versöhnung eingesetzt, aber den Zorn türkischer Nationalisten auf sich gezogen, als er die Massaker an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs als Völkermord bezeichnete.