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Der unbekannte Schuldenberg

Von Reinhard Göweil

Politik
Niedrige Zinsen treiben viele EU-Bürger in noch höhere Schulden.
© djama - fotalia

Niedrige Zinsen verlocken viele Europäer, Schulden zu machen. Die private Verschuldung wird zum Problem.


Wien. Österreichs Verschuldung liegt bei 203,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), also der jährlichen Wertschöpfung der Republik. Unmöglich? Ganz und gar nicht. Investmentbanker und Finanzpolitiker schauen längst nicht nur auf die Staatsschuld, sondern auch auf die private Verschuldung eines Landes. Und diese betrug in Österreich zuletzt 129,1 Prozent des BIP (laut den jüngsten verfügbaren Daten 2013. Die Schulden der Republik beliefen sich auf 74,5 Prozent des BIP.

Der Blick auf den weitgehend unbekannten Schuldenberg ist logisch, denn eine schlechte Wirtschaftsentwicklung hat nicht nur Auswirkungen auf die Staatsfinanzen, sondern führt auch im privaten Bereich zu Kreditausfällen, etwa durch Insolvenzen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die Bank der Notenbanken, hat dafür sogar Schwellenwerte festgelegt: Wenn private Haushalte eine Verschuldung von 85 Prozent, Unternehmen eine von 90 Prozent überschreiten, leidet das Wirtschaftswachstum. Es werde dann wenig investiert, weil zu viel Geld in die Bedienung der Schulden fließen müsse.

Eine ziemlich grobe Schätzung, denn die USA sind in allen drei Kategorien deutlich darüber, trotzdem liegt das Wachstum bei 3 Prozent und ist damit doppelt so hoch, wie für die Euroländer erwartet wird. "Aber die Höhe der privaten Verschuldung lässt Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeit der Wirtschaft zu", meinen die Experten der BIZ.

Österreich ist dabei in einer komfortablen Position

In Österreich liegen die Schulden privater Haushalte deutlich unter dem Schwellenwert. "So manche Regierung könnte sich ein Beispiel an ihren Bürgern nehmen", sagte Allianz-Chef Wolfram Littich einmal. So etwa auch Griechenland. Private Haushalte und Unternehmen liegen bei 64,4 beziehungsweise 69,7 Prozent, also deutlich unter der Staatsschuld. Allerdings steigen dort auch die privaten Schulden. Vor der Krise waren sie noch deutlich niedriger.

Besonders genau schauen sich Banken diese Schuldenquoten an. Die Niederlande beispielsweise liegen bei der privaten Verschuldung weit über der Kennziffer des Staates. 304,6 Prozent ist ein sehr hoher Wert, und ein schöner Teil liegt in Immobilienkrediten. Auf dem Papier haben die Niederlande ein ähnliches Problem wie Spanien. "Die Kombination aus privater Verschuldung und Immobilienblase besitzt eine enorme Sprengkraft", urteilt die deutsche Commerzbank.

Nullzins-Politik treibt viele Europäer in höhere Schulden

Die niedrigen Zinsen treiben viele Bürger in noch höhere Schulden. Das Marktforschungsinstitut TNS hat errechnet, dass jeder zweite Europäer bei einer eklatanten wirtschaftlichen Verschlechterung keine drei Monate seinen Lebensstandard aufrechterhalten kann. Ein Drittel der europäischen Bürger verfügt über gar keine Ersparnisse.

Es ist also kein Wunder, dass die EZB und alle europäischen Notenbanken recht genau auf die Entwicklung der Privatverschuldung schauen. Wenn hohe Schulden und Arbeitslosigkeit aufeinandertreffen, können Kredite nicht mehr bedient werden, die Banken verzeichnen Ausfälle. Die niederländischen Banken bestanden zwar allesamt den EZB-Stresstest, die hohe Privatverschuldung des Landes hängt trotzdem wie ein Damoklesschwert über den Instituten.

Niederlande und Dänemark haben ein veritables Problem

Zwar haben die Niederländer zaghaft begonnen, den Schuldenstand zu reduzieren, doch gleichzeitig sind mit dem Platzen der Immobilienblase die Häuser um 20 Prozent im Wert gefallen.

Um das stabile Euroland nicht ins Gerede zu bringen, halten sich Zentralbank und EU-Kommission mit Äußerungen zurück, doch das Problem besteht. Gerade am Beispiel Niederlande ist schön zu sehen, welche Auswirkungen eine hohe Privatverschuldung hat. Das Wirtschaftswachstum ist vergleichsweise gering, statt zu investieren, wird gespart. Die Niederlande haben allerdings - im Gegensatz zu Spanien und Portugal - eine überaus wettbewerbsfähige Industrie, wie die hohen Exportüberschüsse beweisen.

Trotzdem regt sich auch an dieser Front Kritik an der EZB. Die Nullzins-Politik ist natürlich ein Anreiz, sich in Schulden zu stürzen. Da die Zinsen auf Sparguthaben deutlich unter der Inflationsrate liegen, gibt es umgekehrt kaum Anlass, Guthaben aufzubauen. "Manche EU-Länder können mit der Verschuldung ihrer Haushalte noch leben. Wenn sich allerdings immer neue Bevölkerungsschichten verschulden, kann etwas ins Rutschen kommen, und das verlangt natürlich Aufmerksamkeit", sagt ein Notenbanker, der namentlich nicht genannt werden will.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s warnte bereits im Vorjahr vor der deutlichen Zunahme der Privatverschuldung in Europa. Sollte also die Bonität von EU-Ländern deswegen eingeschränkt werden, droht dies auf die Staaten selbst zurückzufallen.

Auswirkungen auf Junckers Investitionsplan befürchtet

Vor allem die stabilen Euroländer haben eine relativ hohe Privatverschuldung. Genau diese Länder versuchen derzeit, den Privatkonsum anzukurbeln, um das Wachstum zu verbessern.

Auch Österreich hat eine Steuerreform auf den Weg gebracht, um niedrige Einkommensbezieher zu höherem Konsum zu bewegen. Allerdings liegt Österreich hier im EU-Vergleich sehr gut. Mit 51,2 Prozent ist die Verschuldung der heimischen Privathaushalte sehr niedrig, etwa im Vergleich zu Dänemark oder den Niederlanden. Sollte die Steuerreform den Verschuldungsgrad erhöhen, droht also kaum Gefahr. Auch die Sparquote ist in Österreich höher als in anderen EU-Ländern. Allerdings ist hier die Verteilungsungleichheit enorm.

Schuldenmachen ist in Schweden ein Volkssport

EU-weit birgt die gesamte Privatverschuldung in Höhe von 144,8 Prozent (die Zahlen stammen von Eurostat) allerdings durchaus Risiken. Etwa für den Investitionsplan in Höhe von 315 Milliarden Euro, den EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker auf den Weg gebracht hat und der im Moment umgesetzt wird. Vor allem die mittelständische Wirtschaft will Juncker damit ankurbeln. Genau diese Unternehmen sitzen allerdings auf beträchtlichen Schuldenbergen. Während die französischen Privathaushalte mit den österreichischen vergleichbar sind, liegt der Schuldenstand französischer Unternehmen bei 96,4 Prozent des BIP. Ob sich also dort der Investitionsplan signifikant auswirken wird, wird in der EU-Kommission selbst bezweifelt.

Auch im Musterland Schweden ist die private Verschuldung mit 224,8 Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich höher als die staatliche Schuld. Schuldenmachen sei "der gefährlichste Volkssport der Schweden", schrieb jüngst ein Magazin. Auch dort hat sich eine Immobilienblase aufgebaut, deren Platzen aus dem positiven ein negatives Vorbild machen könnte. Untersuchungen der Schwedischen Reichsbank haben ergeben, dass immer noch 25 Prozent der schwedischen Haushalte Schulden aufbauen. Immobilienkredite wurden von schwedischen Banken recht sorglos vergeben, viele zahlen überhaupt nur die Zinsen zurück. Ähnliche Kredite gab es Anfang 2000 auch in Österreich, doch dem haben die Aufsichtsbehörden ein Ende gemacht. In Schweden beträgt die rechnerische Rückzahlungsdauer für Immobilienkredit derzeit 100 Jahre.

Ansteckungsgefahr von den stabilen Ländern

"Die Ansteckungsgefahr geht derzeit eher von als stabil eingeschätzten Ländern aus, die auf hohen privaten Schuldenbergen sitzen", sagt der bereits zitierte Notenbanker zur "Wiener Zeitung". Die offizielle Staatsschuld Schwedens liegt bei 42,5 Prozent. Die Bombe lauert dahinter, denn Probleme schwedischer Banken würden natürlich auf Banken in anderen Ländern ausstrahlen, vor allem auf britische. Wie stark sich also Schwedens Unternehmen in Junckers Investitionsplan einbringen können, ist derzeit noch völlig offen.

Gar kein Problem mit solchen Kriterien hätten die neuen Mitgliedsländer in Osteuropa. In Rumänien beispielsweise liegt die Privatverschuldung der Unternehmen bei 48,4 Prozent. In diesen Ländern hapert es allerdings an den staatlichen Möglichkeiten. Zwar will sich beispielsweise Kroatien mit einem Flüssiggas-Terminal in der Kvarner Bucht am Investitionsplan beteiligen, doch dieser wird von internationalen Großkonzernen umgesetzt.

Osteuropa hat ein anderes Investitionsproblem

Der von Juncker fokussierte Mittelstand profitiert davon nur mittelbar. Genau diese Mittelbetriebe sind es aber, die neue Jobs schaffen müssen, um die Zahl der Arbeitslosen in Europa zu reduzieren. Diese sinkt zwar leicht, liegt aber immer noch bei mehr als 24 Millionen. Und stabile Länder wie Dänemark, Schweden, Niederlande leiden an der hohen Privatverschuldung.

Während also ganz Europa auf Griechenland blickt und die Problemländer noch mit Spanien, Portugal und Irland definiert, brauen sich in anderen EU-Länder Gewitterwolken zusammen, die gar nichts mit staatlicher Schuldenpolitik zu tun haben.

In Notenbankkreisen ist zu hören, dass daran gedacht sei, in manchen Ländern die Vergabe von Immobilienkrediten mit besonders hoher Kapitalunterlegung zu koppeln. Ähnliches hat schon die Schweiz vorgeführt. Das würde allerdings zum Platzen von Immobilienblasen in manchen EU-Ländern führen. Ob das manche Banken, die jetzt noch pumperlgesund dastehen, aushalten werden?