London. (wak) Der Auftritt 2012 in der US-amerikanischen Talkshow von David Letterman brachte nichts: David Cameron war zwar erste amtierende Premierminister, der sich auf die zeitgeistige Couch setzte, doch obwohl er offensichtlich versuchte, angenehm und locker zu wirken, konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er lieber woanders wäre. Dabei wollte Cameron so gerne die britischen Konservativen einen "moderneren" Anstrich geben und etwa Themen wie Umweltschutz und Gleichstellung von Homosexuellen stärkere Bedeutung einräumen. Schließlich war Cameron der erste konservative Premierminister seit John Major (in den 90er Jahren) und das Image der Partei war, gelinde gesagt, angestaubt.

Ein strahlender David Cameron mit seiner Frau Samantha. - © reu/Wermuth
Ein strahlender David Cameron mit seiner Frau Samantha. - © reu/Wermuth

Seinen wirklichen popkulturellen Höhepunkt erreichte Cameron bemerkenswerterweise nicht dank seiner Modernität, sondern dank seiner Vergangenheit - oder seiner Vorvorvorvorvergangenheit. Im Dezember 2013 ging sein Bild auf Twitter um die Welt. Allerdings war es weder ein ikonisches Foto noch eine aussagekräftige Grafik, sondern ein Nebeneinander-Vergleich eines Fotos von Cameron und eines Ölgemäldes aus dem 18. Jahrhundert, nämlich dem von Katharina der Großen, der russischen Zarin mit preußischen Wurzeln. Steckte man Cameron in die Frauenkleider der damaligen Zeit und setzte ihm eine Perücke auf, so sähe er genau so aus wie die porträtierte Zarin in ihren späteren Jahren.

Unehelicher Spross des Königs

Doch kurz, nachdem der Bildervergleich zum ersten Mal auf den sozialen Medien um die Welt gerast ist, hatte das Lachen ob der Zufälligkeit des Schicksals wieder ein Ende: Denn so zufällig ist eine Ähnlichkeit nicht, wenn man von Cousins zweiten Grades spricht, die allerdings neun Generationen getrennt sind. Schließlich ist David Cameron auch ein Spross von den außerehelichen Verbindungen von Wilhelm IV., König von Großbritannien und - damals noch - Hannover.

So war David Camerons Vorfahren zwar nicht die Thronfolge beschert, trotzdem entspringt der 49-jährige Politiker einer adeligen Familie und genoss all die Privilegien der englischen Upper Class, Eton College und Oxford University inklusive, wo er das Studium einer interdisziplinären Fächerkombination von Philosophie, Politik und Wirtschaft abschloss.

Cameron gibt zu, in seiner Jugend "zu viel getrunken" sowie geraucht zu haben, in einer Biographie liest man auch, er wäre wegen Marihuana-Konsums fast aus Eton geflogen. Das hätte ihm beinahe den Parteivorsitz gekostet: Fragen, ob er jemals härtere Drogen genommen habe, wich er stets aus, während der Rest der Tories, die sich 2005 zur Wahl stellten, explizit ihre drogenfreie Vergangenheit erwähnten.

Cameron hat schon mehrmals gezeigt, dass Familiensinn für ihn nicht nur ein Lippenbekenntnis ist: Er ist mit seiner Frau Samantha (die er als Freundin seiner Schwester kennengelernt hat) seit 1996 verheiratet. Mit ihr hat er vier Kinder: Als erster britischer Parteivorsitzender überhaupt ging Cameron 2006 (bei der Geburt seines dritten Kindes, Arthur) auf Vaterschaftsurlaub. Als Parteivorsitzender, aber lange vor seinen Weihen zum Premierminister, beschloss das Ehepaar Cameron auch, mit den jeweiligen Familientraditionen zu brechen und ihre Tochter Nancy auf eine öffentliche Schule statt auf eine Privatschule zu schicken.

Camerons erster Sohn Ivan, der an schwerer zerebraler Epilepsie und Kinderlähmung litt, verstarb 2009 im Alter von nur sechs Jahren. Die Art, wie David Cameron über Ivan sprach, brachte ihm großen Respekt im ganzen Vereinigten Königreich ein, am Tod des Kindes nahm nicht nur das britische Unterhaus, sondern auch die Bevölkerung egal welcher politischen Heimat, öffentlich Anteilnahme. Auch freute man sich ehrlich über die erneute Schwangerschaft von Camerons Frau Samantha - damals sogar mitten im Wahlkampf, und die Geburt des vierten Kindes am Anfang seiner Periode als Premierminister.

Freunden zufolge hat die Erfahrung mit seinem schwerstbehinderten Kind die politischen Ansichten von Cameron geprägt, weg auch von traditionellen konservativen Positionen: Cameron wurde etwa ein leidenschaftlicher Verteidiger des nationalen Gesundheitssystems NHS, das auch die 24-Stunden-Betreuung für seinen Sohn ermöglicht hatte. Trotzdem ist während seiner ersten Amtszeit das NHS tief in die Krise geschlittert, die Warteräume sind überfüllt, die Briten hatten vor der Wahl zudem Angst, dass Cameron in dem NHS weiter den Sparstift ansetzt. Bei einer öffentlichen Debatte zu dem Thema wollte sich Cameron nicht auf Garantien oder Ausnahmen festnageln lassen, betonte im April einmal mehr, dass das NHS "sein Lebenswerk" sei.