Nachdem Janukowitsch erfolgreich in die Flucht geschlagen war, war ein Hoffnungsschimmer über die Ukraine gezogen. Landauf und -ab wurden Vorsätze gefasst, keine Operationen, Diplome oder Jobs mehr zu kaufen und keine Polizisten oder Richter mehr zu bestechen. Auch Richter oder Uni-Professoren nahmen sich vor, um des "würdevollen Lebens" willen den Geldern zu entsagen. Doch nicht nur lassen sich alte Gewohnheiten schwer ablegen, auch die Wirtschaftskrise machte den Ambitionen einen ordentlichen Strich durch die Rechnung. Aufgrund der Inflation gibt es heute mit den ohnehin niedrigen Gehältern im öffentlichen Dienst noch weniger Auslangen als früher. Die erhöhten Kommunaltarife, die notwendig wurden, damit das am Rande des Bankrotts stehende Land Geld der internationalen Kreditgeber erhält, tun das ihre dazu. Bei vielen fielen auch wichtige Zweitjobs weg, weil Unternehmen sparen müssen.

"Gerade in der jetzigen Situation ist Korruptionsbekämpfung doch praktisch aussichtslos", sagt Olga. Die 38-Jährige hat ihren Posten als Assistenz im Rektorat einer ukrainischen Universität zwar vor drei Monaten verlassen, ist aber mit ehemaligen Kollegen weiter in Kontakt. "Ich weiß aber auch so, dass sie mit dem offiziellen - jetzt gekürzten - Lohn ohne Bestechungsgelder nicht leben können", sagt sie. Olga gesteht, dass auch sie Gelder von Studenten oder ihren Eltern angenommen hat. "Irgendwann habe ich gemerkt, dass es offenbar alle tun, warum sollte ich mich also kasteien?", erinnert sie sich. Sie besteht aber darauf, dass ihre Summen geradezu lächerlich gewesen seien im Vergleich zu dem, was andere und vor allem der Rektor abstaubte. Jahrelang habe sie beobachtet, wie ihm unauffällige Aktenkoffer gebracht wurden, damit die Kinder nicht von der Uni flogen oder bessere Noten erhielten, um in der Folge nicht bei der Jobsuche zu scheitern. Die Zuwendungen bestanden aber nicht immer nur aus Geld. "Manchmal hat der Geruch von teurer Salami oder riesigen Käseschachteln sich durch alle Gänge der Universität gezogen", erinnert sie sich. Der Fahrer habe die Zuwendungen ins Auto verfrachtet und auf die Datscha des Rektors gebracht. Angst, erwischt zu werden, habe es gegeben. Wer sich aber "nicht grob dumm" angestellt habe und "gewisse Sicherheitsmaßnahmen" getroffen habe, hätte sich nicht groß gefürchtet.

Neue Behörde soll es richten

Das soll sich nun ändern. Mit dem wachsenden Frust über die lahme Korruptionsbekämpfung, die täglich mehr in Wut derer, die nicht davon profitieren, umschlägt, steigt der Druck auf die Regierung, Erfolge zu liefern. Doch die lassen auf sich warten. Allein die Bestellung des Chefs des neuen Antikorruptionsbüros zog sich über Wochen hin. Aktuell werden die ersten 100 der 700 geplanten Mitarbeiter der Behörde gesucht. Wenn diese aber dann steht, soll sie, wie es ein ukrainischer Parlamentarier bezeichnete, "die Ukraine umdrehen".

Einstweilen versucht Innenminister Arsen Awakow mit teils fragwürdigen Facebook-Postings, in denen er Bilder von wegen Korruptionsverdacht verhafteten Beamten samt Geldbündeln veröffentlicht, Erfolge zu verbreiten. Experten wie der Menschenrechtler Evgenij Zacharow warnen bereits, dass öffentliche Hexenjagden bei der Korruptionsbekämpfung mehr Schaden als Nutzen anrichten könnten.

Sergej hat mittlerweile bereits eine rote Nase. Ob die von der Sonne oder vom Wein ist, ist nicht auszumachen. "Mit diesem schönen Parkanlagen hat Janukowitsch wenigstens eine gute Sache hinterlassen", sagt er. Und schwingt sich auf einen der Miet-Golfcarts, denn auch er ist schon müde vom Gehen.