Für den österreichischen Europaabgeordneten Othmar Karas von der Volkspartei ist das Thema Investorenschutz überbewertet: "Der hat nicht diese zentrale Stellung in dem Handelsabkommen", sagt er. Es gehe vielmehr darum, nicht-tarifäre Handelshemmnisse und Zölle zu reduzieren. "Darunter leidet der Export und die Wettbewerbsfähigkeit der klein- und mittelständischen Wirtschaft am meisten. Wenn wir Investitionen wollen, dann kann man einen starken Input geben, wenn man sagt, wir schützen die Investoren gegen kurzfristige willkürliche Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen", sagt Karas. Genau das habe man aktuell in Österreich bei der neuen Raucherregelung getan. "Sie schützen die Investitionen der Gastronomie rückwirkend, die sie in die Trennung Raucher-Nichtraucher-Zimmer gemacht haben. Man leistet also durch eine rechtliche Regelung hier de facto eine Kompensation."

Wenige Stunden vor dem geplanten Votum erklärt Leichtfried, dass die SPÖ-Delegation geschlossen gegen die Entschließung stimmen werde, sollte sich darin eine Passage finden, die den Investorenschutz unterstützt. Er erklärt das eigentliche Ziel der Abstimmung: eine Abfuhr an ISDS. "Selbst wenn die Resolution abgelehnt werden sollte - was ich nicht glaube - und es eine Mehrheit gegen ISDS gibt, wäre das ein klares Zeichen an die EU-Kommission", sagt er.

Die Resolution zu Fall zu bringen ist etwas, das Michel Reimon von den Grünen durchaus gefällt. "Wenn das EU-Parlament wegen dem Punkt Investitionsschutz keine Resolution zustande bringt, so ist das ein Signal an die Verhandler, dass das ein höchst umstrittenes Thema ist und, dass sie da nicht leicht mit einem schlechten Verhandlungsergebnis durchkommen werden. Es wäre wichtig, genau dieses Signal zu schicken."

Die Lage spitzt sich zu. Auch von anderen sozialdemokratischen EU-Abgeordneten wird berichtet, dass sie planen, wegen des Investorenschutzes auszuscheren. Der ausgehandelte Kompromiss droht zu platzen. Kurz vor der Abstimmung am Dienstag sagt der deutsche EU-Parlamentspräsident Martin Schulz diese ab. Der Sozialdemokrat beruft sich auf die Geschäftsordnung, wonach eine Abstimmung, zu der mehr als 50 Änderungsanträge vorliegen, von der Tagesordnung genommen, an den zuständigen Ausschuss zurückverwiesen und später erneut zur Abstimmung gestellt werden kann. Doch das hat bei vergangenen Abstimmungen meist niemanden gekümmert. Am Mittwoch wird dann noch mit einer hauchdünnen Mehrheit von 183 zu 181 Stimmen die Debatte zu TTIP im EU-Parlament verschoben. Daraufhin bricht ein Chaos aus, Tumulten und gegenseitigen Schuldzuweisungen folgen.

Schuldzuweisungen aller Art

"Vor der wichtigen TTIP-Resolution geht es bei der SPD drunter und drüber - die Absage der heutigen Abstimmung aufgrund interner Querelen bei den Sozialisten ist eine Farce", ist der liberale deutsche EU-Abgeordnete Alexander Graf Lambsdorff empört.

"Das interne Chaos bei den Sozialdemokraten verhindert die Verbesserung des TTIP-Verhandlungsmandats und gefährdet die Arbeit der letzten Monate von 15 Parlamentsausschüssen. Parlamentspräsident Schulz hat angesichts des Chaos jetzt die Reißleine gezogen und die Abstimmung verschoben", erklärt Othmar Karas. Die Österreicherin Evelyn Regner von den Sozialdemokraten wiederum kontert: "Europäische Volkspartei, Europäische Konservative und Liberale haben den Antrag auf Verschiebung gestellt. Dass jetzt ausgerechnet VP-Abgeordneter Othmar Karas versucht, dafür die Schuld bei den Sozialdemokraten zu suchen, ist mehr als verwunderlich."

Michel Reimon wiederum kritisiert: "TTIP-Kritiker haben hart an einer Mehrheit gegen ISDS und einige andere Problempunkte gearbeitet und kamen einer Mehrheit gefährlich nahe. Im Zweifelsfall hat Präsident Martin Schulz nun die Notbremse gezogen und vertagt."

Auch Daniel Caspary ist erbost. "Von Änderungsanträgen kleiner Splitterfraktionen sollte man sich eigentlich nicht verunsichern lassen", sagte Caspary gegenüber der Zeitung "Die Welt". Doch das ändere nichts für die Zukunft. "Die Einigung der großen Fraktionen zu den zentralen Punkten wie der Schiedsgerichtsbarkeit bleibt aber erhalten und wird nicht wieder aufgeschnürt."