Und ich war mit der beruhigten Stimmung nicht alleine. Ein paar Kleinanleger klagten wegen falscher Beratung und ein paar Hedgefonds versuchten ihr Glück auf dem Rechtsweg. Aber alle wussten nur zu gut, dass Griechenland à la longue seine Schulden nicht bedienen kann, und
haben entweder die Verluste
bereits abgeschrieben oder (wie ich) gezockt. Der Haircut, zwei Jahre lang panisch hinausgeschoben, hatte keinerlei Drama ausgelöst.

"We want our money back"

Schon direkt nach diesem Schuldenschnitt war allerdings klar: Das kann es noch nicht gewesen sein. Nur wenige Monate danach - im Herbst 2012 - verlangten zwei der drei Geldgeberinstitutionen - EZB und Internationaler Währungsfonds - einen neuerlichen, radikalen Schuldenschnitt. Dazu kam das völlige Versagen der Sparauflagen, zu denen die Geldgeber Griechenland zwangen: Seit Beginn der Krise ist die griechische Wirtschaft um erschreckende 26 Prozent geschrumpft, mit verheerenden Folgen auf dem Arbeitsmarkt. "Wie soll die Wirtschaft auch wachsen, wenn sich aus Jobangst niemand traut, auch nur eine Waschmaschine zu kaufen?", sagt dazu Finanzjournalist Litsis.

Nun, drei Jahre später, wiederholt sich das Tauziehen um das neue Rettungspaket und den neuen Schuldenschnitt gerade auf neue, noch dramatischere Art. Die Sparpakete und das Regime der Geldgeber in Griechenland haben die linke Syriza zur Nummer eins gemacht und in die Regierung gebracht - und die ist mit klaren Wahlversprechen angetreten: keine Pensionskürzungen, höhere Löhne, ein Schuldenschnitt. Auf die meisten ihrer Forderungen haben die Griechen im monatelangen Tauziehen bereits verzichtet. Auch auf den Budgetrahmen hat man sich bereits fast geeinigt. Übrig geblieben sind Forderungen, die tief in die Kernthemen von Syriza eingreifen: Athen will Kollektivverträge wieder zulassen - die Geldgeber sind dagegen. Athen weigert sich, die Pensionen (die bereits um 40 Prozent gekürzt wurden) weiter zu beschneiden - die Geldgeber bestehen darauf. Und Athen will einen Schuldenschnitt als Teil des jetzigen Deals. In dieser Frage hat es den IWF und die Europäische Zentralbank auf ihrer Seite. Doch die EU sagt: "We want our money back."

Ende mit Schrecken

Als Anlegerin, die bereits einen Schuldenschnitt hinter sich hat, stehe ich nun als Steuerzahlerin also vor der Entscheidung über den nächsten. Die Banken und Versicherungen sind mittlerweile - über den Umweg der Rettungspakete - aus dem Schneider. Fast die gesamte Schuld Griechenlands ist mittlerweile in öffentlichen Händen. Wäre es also falsch, den europäischen Steuerzahlern eine Umschuldung zuzumuten?

Ich denke: Nein. Die EU ist mit der Rettung Griechenlands nicht nur ein absurd hohes Risiko eingegangen: Sie hat wissentlich Geld in einen Staat gesteckt, der faktisch bankrott war. Das wusste schon 2010 jeder, der nur ein Fünkchen Ahnung von Bilanzen oder auch nur ein bisschen Hausverstand mitbrachte. Die EU hat das Geld trotzdem überwiesen, vor allem, um einen Bankencrash zu verhindern. Mit Erfolg: 77 Prozent der bisherigen Rettungsgelder gingen - das zeigt ein Faktencheck des "Spiegel" - postwendend an den Finanzsektor.

Die Kosten haben die Geldgeber allerdings bisher über die damit verbundenen Sparpakete und Auflagen der griechischen Bevölkerung sowie beim ersten Schuldenschnitt den übriggebliebenen Privatanlegern aufgehalst. Die Lage in Griechenland hat sich seither dramatisch verschlechtert. Die Zahlungsfähigkeit ebenfalls. Die Sparprogramme haben keine positiven wirtschaftlichen Effekte gezeigt - im Gegenteil. Es fehlt, schreibt die "Washington Post" diese Woche treffend, jeglicher vernünftiger Grund, sie weitertreiben zu wollen.

Die Frage ist also ohnehin nicht, ob der Schuldenschnitt kommt - da sind sich alle einig -, sondern wann und zu welchen Bedingungen. Als Heuschrecke, die schon einen Haircut überlebt hat, sage ich: "Go for it." Es tut nicht so weh, wie man denkt. Griechenland ist wirtschaftlich und humanitär ohnehin schon ausgeblutet. Es hat einen Neustart verdient - und die Rückgewinnung seiner Souveränität.