"Wiener Zeitung": Nach den Ereignissen der letzten Tage drängt sich die Frage auf: Hat die griechische Regierung einen langfristigen Plan oder wird spontan von Tag zu Tag entschieden?

Theodoros Paraskevopoulos: Die griechische Regierung hatte von Anfang an einen Plan. Pläne sind aber dazu da, dass sie revidiert werden, je nachdem, wie sich die Lage entwickelt. Wir haben in diesen fünf Monaten ziemlich viele Änderungen der Lage erfahren, sodass auch die Pläne der Regierung sich ändern mussten.

Das Wichtigste war allerdings die große Änderung, die vergangene Woche kam. Am Anfang der letzten Woche hatten wir gehofft, dass wir schnell zu einer Einigung kommen, weil der letzte Vorschlag der griechischen Regierung in Europa positiv aufgenommen wurde - mit Ausnahme des Finanzministeriums in Berlin, das schon von Anfang an seine Bedenken geäußert hatte -, sodass die Planung eben war, einen neuen Vertrag zu unterschreiben und diesen umzusetzen. Am Donnerstag änderte sich die Lage dramatisch, weil unsere Partner den schon inoffiziell angenommenen Vorschlag abgelehnt haben und der griechischen Regierung ein Ultimatum stellten. Das war sowohl in der Form als auch vom Inhalt her unannehmbar. Das hat die griechische Regierung abgelehnt und hat das jetzt dem Volk zur Entscheidung vorgelegt.

Stimmt es, dass Griechenland von sich aus am Freitag die Verhandlungen abgebrochen hat?

Nein. Griechenland hat die Verhandlungen nicht abgebrochen. Griechenland hat nur das Ultimatum nicht akzeptiert. Athen war bereit, die Verhandlungen weiter zu führen, aber nur, falls das Ultimatum vom Tisch ist.

Das Referendum ist auf den letzten Drücker einberufen worden. Dabei hat sich doch fünf Monate lang abgezeichnet, dass es zu einer Patt-Situation kommen wird.

Nein, das hat sich nicht abgezeichnet. Die Verantwortlichen in Athen als auch in Brüssel haben immer gesagt: "Wir machen Fortschritte."

Theodoros Paraskevopoulos: "Die Fragen bei der Volksabstimmung lauten: Ja oder Nein zum Ultimatum"
Theodoros Paraskevopoulos: "Die Fragen bei der Volksabstimmung lauten: Ja oder Nein zum Ultimatum"

Wenn es Fortschritte gegeben hätte, wie kann es dann zu so einer komplett neuen Situation kommen, die zu einem Ausschluss von Personen führt und wo von "Vertrauensbrüchen" die Rede ist?

Da kann ich nur mutmaßen.

Bitte.

Ich meine, das ist ideologische Borniertheit. Sie wollen keine linke Regierung in Europa haben. Das ist deren Problem. Es ist keine Frage von Zahlen. Es ist keine Frage von Maßnahmen oder Reformen. Es ist auch keine Frage der Rückzahlungen von Schulden. Das interessiert sie alles nicht. Was sie interessiert, ist, dass es kein linkes Projekt in Europa gibt. Sie haben davor Angst, dass andere Länder auch die alten Regierungen abgewählt werden, weil sie kein Modell für Europa haben.

Wie sieht das griechische Modell aus?

Der Vorschlag, den die griechische Regierung macht, ist, dass die öffentliche Hand es auf sich nimmt, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, dass wir in Europa ein Investitionsprogramm haben. Dass in Europa nicht mehr die Pensionen gekürzt werden. Weil das nicht nur sozial ungerecht ist, sondern auch wirtschaftlich unvernünftig ist. Weil Rentner geben ihr ganzes Geld für den Konsum aus - die Renten kürzen, heißt, die Nachfrage kürzen.

Wie wird das Referendum Ihrer Meinung nach ausgehen?

Bei der Diskussion im Parlament hat sich die Opposition geschlossen gegen die Politik der Regierung gestellt. Aber auch geschlossen gegen den Vorschlag unserer Partner (aus Brüssel, Anm.). So kann ich mir nicht vorstellen, dass das Referendum negativ für den griechischen Regierungsvorschlag ausfällt. Niemand im Parlament hält die Vorschläge unserer Partner für akzeptabel.

Wie geht dann weiter? Wie lange hat Griechenland noch Geld?

Bald kann Griechenland seine gesamten Verpflichtungen - gegenüber den Bürgern und den Partnern - nicht mehr erfüllen. Wie Ministerpräsident Alexis Tsipras schon gesagt hat, in dem Fall haben die Verpflichtungen gegenüber den Bürgern Vorrang.

Gibt es eine Schätzung, wie lange das funktionieren kann, wie lange Pensionen gezahlt werden können?

Die Pensionen kann man aus eigener Kraft zahlen, aus den Steuereinnahmen der Regierung.

Glauben Sie wirklich, dass man in einem derart geschlossenen System überleben kann?

Eine Zeit lang schon.

Wie lang kann man Kapitalverkehrskontrollen aufrechterhalten?

So lange man will. Zypern hat das zwei Jahre lang gemacht. Ich nehme an, die Kapitalverkehrskontrollen werden länger andauern. Bedenken Sie, Griechenland hatte vor dem Eintritt in die EU 50 Jahre lang Kapitalverkehrskontrollen. Und wir haben überlebt. Kapitalverkehrskontrollen bedeuten nur, dass, wenn man einen Betrag ins Ausland überweisen will, es melden und begründen muss. Für ein Unternehmen, das seine Rechnungen bezahlen will, ist das kein Problem. Aber dafür können reiche Griechen nicht einfach so ihr Geld in die Schweiz transferieren.

Wenn Griechen 60 Euro täglich abheben dürfen und es, statt in die Wirtschaft, in die Matratze stecken, bringt es das geschlossene System auch ins Kippen.

Ich kenne nicht viele Griechen, die 60 Euro abheben können. Aber diesen Betrag kann man nicht in der Matratze verstecken. Das ist eine Summe, die ich für tägliche Ausgaben brauche.