Sie haben vor einiger Zeit im griechischen Finanzsektor gearbeitet und waren als Beraterin für verschiedene Ministerien tätig. Was sind die strukturellen Probleme der griechischen Wirtschaft?

Das größte Problem ist zweifelsohne der übergroße öffentliche Sektor. Die überdehnte Bürokratie und die allgegenwärtige Korruption würgen die Aktivität der Wirtschaft ab. Dazu kommt noch ein schwaches politisches System und ein nicht stabiles Steuersystem. Seit der Übernahme der Regierung durch Syriza, seit gut einem halben Jahr also, stand zudem auch noch Griechenlands Mitgliedschaft in der Eurozone zur Disposition.

Wäre ein "Grexit", ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone, nicht ein gangbarer Weg? Sowohl linke griechische Ökonomen wie Costas Lapavitsas wie auch konservative deutsche Wirtschaftsforscher wie Hans-Werner Sinn fordern ihn.

Als man die Eurozone konstruierte, hat man leider einige fundamentale Fehler begangen. Für einen Staat wie Griechenland ist es sehr schwer, sich in einer Währungsunion mit einigen der größten Wirtschaftsmächten der Welt - wie Deutschland - zu behaupten. Das hätte in jedem Fall entweder eine Fiskalunion oder einen brauchbaren Transfermechanismus notwendig gemacht, der Griechenland im Falle eines "assymetrischen Schocks" helfen hätte können. Die griechische Wirtschaft war nicht fit für die europäische Währungsunion. Griechenland hat es darüber hinaus auch noch versäumt, in den ersten Jahren in der Eurozone die nötigen Reformen zu machen.

Und was soll Griechenland jetzt machen? Raus aus dem Euro?

Nein. Derzeit liefert die Eurozone das einzige Sicherheitsnetz für Griechenland. Nicht nur finanziell, auch geopolitisch. Für Griechenland ist es jetzt das Beste, im Euro zu bleiben. Die Regierung muss aber eine Reihe wichtiger Reformen vorantreiben: Man muss mit der Überregulierung der Wirtschaft Schluss machen, eine brauchbare Pensionsreform durchführen und Privatisierungen auf den Weg bringen. Griechenland braucht Reformen, die ihm helfen werden, seine Wirtschaft zu öffnen. Das würde langfristig auch dem Export helfen.

Aber wird der griechische Export nicht gerade durch den - aus griechischer Sicht starken - Euro abgewürgt? Die Drachme würde, sagen die Grexit-Befürworter, Griechenland erst wieder die Chance geben, die Exporte zu steigern.

Ich denke, das wäre jetzt der falsche Weg. Griechenland muss seine Leistungsfähigkeit steigern, in Forschung und Entwicklung investieren und Unternehmergeist im Land ermöglichen. Es muss ein gutes Geschäftsklima erzeugen, auch für ausländische Investoren. All das braucht natürlich Zeit. Wenn es aber den politischen Willen für solche Reformen gibt, sehe ich nicht, warum all das nicht passieren soll. In gewissem Sinne hätte gerade die Syriza-Regierung die Chance dazu. Sie ist als Anti-System-Partei angetreten. Sie ist eine neue Partei und - zumindest theoretisch - nicht so sehr der Klientelpolitik verhaftet wie die traditionellen griechischen Parteien. Allerdings gibt die bisherige Politik Syrizas da nur wenig Hoffnung. Möglicherweise ändert sich die Lage aber durch dieses schmerzhafte Abkommen von Brüssel. Es sieht zumindest so aus, dass es jetzt einen nationalen Konsens darüber gibt, dass Griechenland in der Eurozone bleiben muss.