Suruc. Im Hof des Amara Kulturzentrums in Suruc wehen noch immer die Fahnen mit den 31 Gesichtern der Toten der türkischen Jugendorganisation SGDF. Hinter den zerbrochenen Fensterscheiben des Zentrums sitzt der 25-jährige Adnan (er will nicht erkannt werden, Anm.) und erzählt vom Terror des IS, der ihn erst aus Kobane vertrieb und ihn im türkischen Suruç wieder einholte.

"Wiener Zeitung":Zwei Wochen sind seit dem Attentat vergangen. Sie arbeiten hier im Kulturzentrum, wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Adnan: Wir bekommen viel Unterstützung. Viele kommen aus anderen türkischen Städten, und wollen uns helfen. Es kommen viele Journalisten wie Sie. BBC und CNN waren mit Kamerateams da. Was soll ich sagen, wir versuchen weiterzumachen, auch wenn wir diesen Tag nicht vergessen können.

Wie haben Sie ihn erlebt, diesen Tag?

Es war gegen Mittag, als die Bombe explodierte. Ich bin fünf Minuten vorher nach Hause gegangen, um Getränke zu holen. (Macht eine lange Pause) Fünf Minuten. Es waren nur fünf Minuten. Und dann habe ich die Explosion gehört, der Boden hat gebebt. Ich dachte erst, vielleicht ist irgendwo ein Trafo explodiert, und bin zurück zum Kulturzentrum gerannt.

Die schrecklichen Bilder des Anschlages gingen ja durch alle Medien.

Ja, die habe ich auch gesehen. Aber es war viel schlimmer als in den Handyvideos. Die Menschen haben geschrien. Vielen sind in Panik umhergerannt. Überall lagen Teile von Körpern, Arme, Beine. Ich habe den Leuten zugerufen, sie sollten wegrennen. Ich komme aus Kobane und weiß, dass die richtig große Bombe oft erst später explodiert. Die Terroristen warten, bis von überall Leute herbeigeströmt sind, und töten dann noch viel mehr Menschen. Als das zum Glück nicht passierte, haben wir die Verwundeten zu den Autos getragen und die Toten zugedeckt. Ein Bild werde ich nie vergessen: Diese beiden Mädchen, sie hielten sich an den Händen und starben gemeinsam (Anm. d. Red.: Eine der beiden hat schwer verletzt überlebt). Als ich sie sah, konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen.

Haben Sie sich vorstellen können, dass so etwas passiert?