Budapest. (apa) "Alles, was ich will, ist, dass diese Kinder für ein paar Augenblicke alles um sich herum vergessen können." Judit hockt am Vorplatz des Bahnhofs Keleti in Budapest. Die Kinder aus Afghanistan kichern, als sie wild mit Fingerpuppen vor ihren Gesichtern herumgestikuliert. Seit einigen Tagen schlafen die Kinder mit ihren Eltern auf dem Gelände des Bahnhofes. Ebenso wie einige hundert andere Migranten.

Sie warten dort. Auf den nächsten Zug, auf ein Lebenszeichen von Familienmitgliedern, die sie auf der Flucht verloren haben, auf Informationen aus der Heimat oder von bereits geflohenen Verwandten aus dem Land, in das auch sie weiterreisen wollen. Die wenigsten von ihnen wollen hier in Ungarn bleiben. Das wissen auch die zahlreichen Helfer, die die Flüchtlinge tagtäglich mit Essen, Trinken, Hygieneartikeln und Gewand versorgen. Oder eben wie Judit kommen, um die Migranten auf psychologischer Ebene zu unterstützen - sie auf andere Gedanken zu bringen, mit den Kindern zu spielen, denn gerade sie sind meist schwer traumatisiert. Die Solidarität am Budapester Ostbahnhof ist tatsächlich fast überbordend - im wahrsten Sinne des Wortes.

"Es tut uns so leid, dass ihr hier am Bahnhof schlafen müsst. Wir wollen euch helfen", sagte eine junge Ungarin, die mit ihren Eltern zum Bahnhof gekommen ist und Wasser und Bananen verteilen will. Doch der Vater der afghanischen Kinder, Ghazaluddin, winkt freundlich ab. Er und seine Familie habe heute schon so viel zu essen und trinken bekommen, heute brauche er nichts mehr.

"Brauchen Sie medizinische Hilfe, einen Doktor?", fragt ein anderer Mann die auf dem Boden sitzenden Männer und Frauen. Wird das Angebot des Ungarischen Malteser Hilfsdienstes anfangs nur zögerlich in Anspruch genommen, bildet sich schon nach kurzer Zeit eine kleine Schlange, die von der syrischen Ärztin versorgt werden will. Eine ganze Armada von Freiwilligen begleitet sie. "Wir wollen etwas tun", sagen Istvan und Zsuzsanna, die heute Abend zum ersten Mal beim Bahnhofsrundgang der Malteser mit dabei sind. In Kisten tragen sie Spritzen, Verbandszeug, Medikamente.

Unter den Freiwilligen mit den neongelben Warnwesten findet sich heute auch ein ganz besonderer Helfer: der frühere (2005 bis 2010) ungarische Staatspräsident Laszlo Solyom. "Ich bin in der Lage zu helfen, also mache ich das auch. Das hier ist erst der Anfang, es wir noch jahrelang so weitergehen", prophezeit er. Viele Menschen würden die Flüchtlinge nicht als Mensch, sondern als Feind sehen. Schuld an der steigenden Fremdenfeindlichkeit ist vermutlich auch die im Juni lancierte Plakataktion der ungarischen Regierung, mit der Asylwerber abgeschreckt bzw. gewarnt werden sollen. "Die Plakate sind nicht richtig", sagt Solyom. Sie würden nur Angst und Ressentiments in der Bevölkerung schüren.

Regierung "nicht hilfreich"

Sieht man sich am Bahnhof Keleti um, scheinen die vielen Berichte über steigenden Rechtsextremismus, verschärftes Asylrecht, Bau eines Grenzzauns und Ähnliches nicht in dieses Land zu passen. Auch die Budapester Stadtregierung sorgte kürzlich für eine Überraschung. So wurde beschlossen, dass die Wasch- und Toilettenanlagen des Bahnhofs nun auch für die Flüchtlinge geöffnet werden. "Ich bin wirklich sehr, sehr überrascht", kommentiert Judit dies. Auch ein Raum für die Lagerung von Spenden sei zur Verfügung gestellt worden. Die rechtskonservative Regierung von Viktor Orban sei hingegen "überhaupt nicht hilfreich", sie wolle die Spannungen in der Bevölkerung nur weiter verschärfen.

Dagegen kämpft die Lehrerin, die Mitglied der Facebook-Bewegung "Migration Aid" ist, entschieden an. "Eigentlich sollte das, was ich hier mache, nichts Besonderes sein. Es sollte besonders sein, also auffallen, wenn jemand nicht hilft", sagt sie. "Ich bin vielleicht nur ein kleiner Funken auf der Reise dieser Kinder. Aber wenn sie lachen, macht meine Arbeit auch Sinn", sagt die Lehrerin mit der weiten Regenbogenhose. Deshalb werde sie auch morgen wiederkommen.

Wie seine Chancen auf Asyl in Deutschland stehen, fragt Ghazaluddin. Doch die Antwort ist eigentlich überflüssig, als er in einem Nebensatz erwähnt, dass er bereits bei seiner Ankunft in Ungarn registriert wurde. Laut Dublin-III-Regelung heißt das nämlich, dass er, egal in welches Land er versucht weiterzureisen, immer wieder nach Ungarn zurückgeschoben werden kann.