Warschau. (dpa) Es war mehr als nur eine symbolische Geste. Der erste Besuch des polnischen Präsidenten Andrzej Duda nach seinem Wahlsieg im Mai galt der Schwarzen Madonna von Tschenstochau, einem Nationalheiligtum Polens. Im katholisch geprägten Polen ist es keine Seltenheit, Politiker beim Kirchgang zu sehen. In den vergangenen Wochen und Monaten aber haben sich die Kirchenvertreter laut wie lange nicht mehr in politischen Fragen zu Wort gemeldet. Einmal wurde das Ja der ebenfalls katholischen Iren zur Schwulen-Ehe als fatale Entscheidung getadelt, einmal das polnische In-vitro-Gesetz über künstliche Befruchtung als unvereinbar mit der katholischen Lehre verdammt.

Den Feiertag Mariä Himmelfahrt nutzten einige Bischöfe einmal mehr, um gut zwei Monate vor den Parlamentswahlen zum Verhältnis von Staat und Kirche Stellung zu nehmen. Der Danziger Bischof Slawoj Glodz etwa sah die Kirche unter Beschuss: "Durch unser Land fließt eine Strömung, die Werte verschwimmen lässt, das Gewissen verdirbt und der Kirche das Recht abspricht, an der öffentlichen Debatte teilzunehmen", klagte er in seiner Predigt. Man könne den Eindruck gewinnen, dass die - noch - regierenden Liberalkonservativen mit ihren jüngsten Gesetzen "eine Art Kriegserklärung an die christliche Gemeinschaft gerichtet" hätten.

Der Krakauer Kardinal Stanislaw Dziwisz wiederum, langjähriger Sekretär des polnischen Papstes Johannes Paul II., rief von der Kanzel zum Gebet für Duda auf, damit seine Pläne zu einer familienfreundlichen Politik umgesetzt werden. Was er nicht extra betonen musste: Die Chancen darauf steigen bei einem Wahlsieg der Nationalkonservativen im Herbst beträchtlich (laut aktuellen Umfragen liegt die nationalkonservative Opposition mit 41 Prozent in der Wählergunst voran).

In Kommentaren etwa der linksliberalen Zeitung "Gazeta Wyborcza" ist schon seit Monaten ein immer deutlicheres Unbehagen am Einfluss kirchlicher Hierarchen auf das politische Leben zu lesen. "Ihr fühlt euch als Herren über das menschliche Gewissen", machte sich in der Vorwoche der Autor eines Leserbriefs Luft über die Äußerungen der Kirchenführer zum In-vitro-Gesetz und anderen Themen. "Ihr teilt die Polen in gut und böse, in Patrioten und Verräter ein. Ihr droht mit Sünde, Exkommunikation und Hölle, spielt euch als gerechte Richter auf, weil ihr glaubt, euch sei das Recht dazu gegeben."

Mit dem Medienimperium des umstrittenen Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk und Onlineportalen wie dem rechtskatholischen Fronda.pl hat der konservative Flügel der Kirche längst eine Medienplattform außerhalb klassischer Kirchen- und Gemeindeblätter. Dort finden die Protagonisten auch politische Rückendeckung.

"Die Kirche erfreut sich hoher Autorität bei einem großen Teil der polnischen Gesellschaft und hat das Recht, zu ihrer Ansicht über verschiedene öffentliche Angelegenheiten befragt zu werden", betonte etwa kürzlich der nationalkonservative Abgeordnete Jaroslaw Sellin und fügte hinzu: "Auch ich bin Mitglied der Kirche, und man kann mir vorwerfen, dass ich als Politiker Ziele der Kirche realisiere." Eine Gefahr der Aufhebung der Trennung zwischen Staat und Kirche konnte er nicht erkennen - schließlich dürften Priester nicht für Parlament oder politische Ämter kandidieren.

Aber auch gläubige Katholiken in Polen, wo die Zahl der sonntäglichen Kirchgänger bei knapp 40 Prozent liegt, sehen das überwiegend anders: Seit dem Ende des Kommunismus sprechen sich in Umfragen regelmäßig etwa 70 Prozent der Bevölkerung für ein neutrales Verhalten der Kirche in politischen Fragen aus.