Aber welchen militärischen Wert haben die Eingreiftruppen im Konfliktfall tatsächlich? Viele Militärexperten halten die Stationierung von jeweils einer Kompanie Soldaten in den baltischen Staaten und Polen zwar für ein Signal an Moskau, dass der Westen bereit sei, im Konfliktfall seine Verbündeten nicht im Stich zu lassen. Im Falle einer massiven russischen Invasion wären diese Truppen aber schnell aufgerieben. Doch welches Interesse sollte Russland an einem Krieg mit der Nato haben? "Man darf nicht vergessen: Russland ist militärisch ein Zwerg - mit Ausnahme der Atomwaffen", gibt Gärtner zu bedenken. "Die Militärausgaben Moskaus betragen gerade acht Prozent von denen der Nato. Putin ist kein Stalin und kein Breschnew mehr. Russland hat einfach nicht mehr diese Macht", sagt der Politologe.

Atomraketen als
allerletzte Trumpfkarte


Dass Russland - etwa in den baltischen Staaten - einen asymmetrischen Konflikt vom Zaun brechen könnte, glaubt Gärtner nicht. "Würden russische Truppen, sagen wir, ein litauisches Dorf besetzen, würde wahrscheinlich die Nato aufmarschieren. Russland müsste dann wohl abziehen und stünde als Verlierer da", meint der Sicherheitsexperte. Nur ein massiver Angriff könnte Russland kurzzeitig militärische Erfolge, aber keinen Sieg bringen.

Bleiben die Atomwaffen. Sie sind der letzte große Trumpf Moskaus. Umso ärgerlicher für den Kreml, dass die USA (spätestens) seit den Zeiten von Ex-Präsident George W. Bush auf diesem Feld eine aggressive Politik gegen Russland betreiben. 2002, während der ersten Amtszeit Putins, als es im Zeichen des Kampfes gegen den Terror zwischen Moskau und Washington ein gutes Einvernehmen gab, kündigten die USA unter Bush den ABM-Vertrag zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen auf. Man wollte nun einen Raketenschild aufbauen - mit Komponenten in Osteuropa, die, so wurde und wird behauptet, anfliegende Raketen aus "Schurkenstaaten" wie dem Iran abfangen sollten. Im Kreml wurde dieser Schritt - ebenso wie die Förderung sogenannter Farb-Revolutionen in Russlands Nachbarschaft - als Kampfansage aufgefasst.

Moskau befürchtete ebenso wie einige westliche Experten, dass die in Osteuropa stationierten Raketen das nukleare Gleichgewicht, das es seit den 1960er Jahren gibt, aus den Angeln heben könnten. Jene Raketen, die Russland nach einem Erstschlag noch verblieben, um den Kriegsgegner vernichtend zu treffen, könnten dann abgefangen werden, befürchtete man - und modernisierte seinerseits das eigene Raketenarsenal. Mittlerweile verfügt das technologisch rückständige Russland wieder über moderne, manövrierfähige Atomraketen. Sie sollten dem Nato-Schild, dessen Funktionieren ohnedies ungewiss ist, trotzen können.

An Stabilität oder gar Frieden erinnert dieses asymmetrische Kräftemessen nicht. Manche Experten erinnert Russland an einen angeschlagenen, in die Ecke getriebenen Boxer. Und ein solcher ist eher unberechenbar.