Wien. Die Zahlen des UN-Flüchtlingshochkommissariats sprechen eine eindeutige Sprache: Im Jahr 2015 sind bis dato 366.402 Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Griechenland (244.855) oder Italien (119.500) geflüchtet, 51 Prozent der Flüchtlinge flohen vor dem Krieg in Syrien. Die Zahlen sind im Vergleich zu 2014 unheimlich in die Höhe geschnellt: Im August 2014 wurden 33.478 Flüchtlinge, die den Weg nach Italien, Griechenland, Malta oder Spanien gefunden hatten, registriert, im August 2015 waren es 129.843.

Aber warum ist das so? Der erste Grund ist offensichtlich: Der Krieg in Syrien tobt nun bereits seit 2011 und es ist kein Ende in Sicht - im Gegenteil. Eben erst hat Moskau angekündigt, sich stärker im Syrien-Krieg engagieren zu wollen, Großbritannien und Frankreich wollen gemeinsam mit den USA der Terrorgruppe Isis, die weite Teile Syriens und des Irak kontrolliert, zusetzen. Regionalexperten halten es für unwahrscheinlich, dass der Irak und Syrien als Entitäten, wie wir sie heute kennen, erhalten bleiben werden. Die neuen Grenzen in der Region, werden nicht mehr - wie 1916 beim Sykes-Picot-Abkommen - mit Bleistift und Tinte auf einer Landkarte, sondern mit Blut am Gefechtsfeld gezeichnet. Es könnte also durchaus sein, dass die Flüchtlingsströme sich in naher Zukunft noch vergrößern.

Kosten der Flucht gesunken


Die arabische Journalistin beim Sender Al Aan TV, Jenan Moussa, wies auf dem Internet-Kurznachrichtendienst Twitter darauf hin, dass die Kosten für die Flucht nach Europa in den vergangenen Monaten gesunken sind: Vergangenes Jahr, so Moussa, habe die rund 1800 Kilometer lange Reise von der Türkei oder Ägypten nach Italien rund 6000 US-Dollar gekostet. Als die Schlepper die Route vom türkischen Bodrum zur griechischen Insel Kos entdeckt haben, sind die Preise drastisch gefallen: Plötzlich kostete die Überfahrt nur noch rund 2500 Dollar, die Route ist auch viel sicherer, da Kos weniger als 20 Kilometer von Bodrum entfernt ist.

Bereits seit einigen Monaten haben die Flüchtlinge erkannt, dass die Weiterreise per Bahn risikoloser ist, als sich mittels Lkw in die Schengen-Zone einschmuggeln zu lassen.

Die Logistik der Flucht


Ein weiterer Faktor: Kommunikationstechnologie. Die Telefondienste WhatsApp und Viber machen es den Schleppern möglich, ihre Dienste ganz offen auf Facebook anzupreisen, da die Nummer nicht zu ihnen rückverfolgbar ist und sie daher keine strafrechtliche Verfolgung befürchten müssen. Geld können die Flüchtlinge unterwegs via Western Union oder Moneygram bekommen, und bleiben zudem via Facebook mit Freunden und Familien in Kontakt. Überhaupt ist das Telefon - noch besser: Smartphone - die wichtigste Habseligkeit der Flüchtlinge: Damit organisieren sie ihre Weiterreise und mit dem Mobiltelefon sind sie in der Lage, ihren Familien ein Lebenszeichen zu geben. Es war in diesen Tagen am Wiener West- oder Hauptbahnhof gut zu beobachten: Nachdemder Durst gestillt worden war, war es das oberste Ziel der Flüchtlinge, an SIM-Karten für ihre Mobiltelefone zu kommen oder ihr Telefon in ein Gratis-WLAN einzuloggen, damit sie in die Lage versetzt waren, ihre Angehörigen darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie in Sicherheit sind. Über Facebook tauschen die Flüchtlinge Erfahrungen aus: Wo sind sichere Routen? Wo sind Familienmitglieder und Freunde, die einem am Zielort der Flucht helfen können?