Brüssel/Wien. Die Suche nach Lösungen in der Flüchtlingskrise wird immer mehr zum Ringen um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Denn Einigkeit ist in der EU weiterhin nicht in Sicht. Der Widerstand mancher Mitgliedstaaten gegen die Vorschläge der EU-Kommission zur Umsiedlung von 120.000 Schutzsuchenden hält nämlich an. Vor allem die Fixierung eines Verteilungsschlüssels, der auch in Zukunft in Notsituationen gelten soll, ist umstritten. Daher wird solch eine Quote beim Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs am morgigen Mittwoch nicht zur Debatte stehen - zu groß wäre die Gefahr eines Scheiterns. Denn auch wenn bei der informellen Zusammenkunft keine Beschlüsse gefällt werden, ist es üblich, die Schlusserklärungen im Konsens zu erarbeiten.

Da haben es die Innenminister der EU, die schon am heutigen Dienstag eine außerordentliche Sitzung abhalten, ein wenig leichter - zumindest was die Stimmverhältnisse betrifft. Sie können mit qualifizierter Mehrheit entscheiden. Dass dies nötig sein wird, zeichnet sich bereits ab. Die Risse in der Gemeinschaft bleiben schwer zu kitten.

Die Brüche verlaufen dabei nicht so sehr entlang von Parteilinien. Im EU-Parlament beispielsweise vertreten Christ- und Sozialdemokraten eine ähnliche Position. Die zwei größten Fraktionen unterstützen die Pläne der EU-Kommission zur Verteilung der Flüchtlinge - und beide rufen die Regierungen zu einer raschen Einigung auf. Unter diesen wiederum gibt es beträchtliche Unterschiede auch innerhalb derselben Parteienfamilie.

So sind die Premierminister Tschechiens und Italiens, Bohuslav Sobotka sowie Matteo Renzi, Sozialdemokraten, doch das Kabinett in Prag spricht sich gegen eine Quotenregelung für Asylverfahren aus. Umgekehrt legten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel von der CDU und der französische Präsident, der Sozialist François Hollande, ihre Haltung in einem Brief an die EU-Institutionen gemeinsam dar.

Und dass wiederum Griechenland und Italien im Gleichschritt auftreten, ist nicht unbedingt der Tatsache geschuldet, dass die Regierungschefs dort beide der linken Seite des politischen Spektrums zuzuordnen sind - sondern dass sich ihre Staaten in einer ähnlichen Lage befinden. Die Mittelmeer-Anrainer sind seit Jahren die Zielländer von Bootsflüchtlingen oder Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Asien, die über die Türkei einreisen wollen. Italien spricht übrigens seit Jahren von einer Flüchtlingskrise und klagt darüber, bei deren Bewältigung von den anderen EU-Mitgliedern allein gelassen zu werden.