Istanbul. Deutlicher konnte das Signal nicht sein, das die Selbstmordattentäter aussandten, als sie ausgerechnet bei einer Friedensdemonstration kurz nach 10 Uhr vormittags zwei Bomben in der türkischen Hauptstadt Ankara zündeten, durch die mindestens 95 Menschen starben und 246 teils schwer verletzt wurden. Frieden wollten die Mörder nicht, aber was wollten sie dann? Auch am Tag nach dem schlimmsten Terroranschlag der türkischen Geschichte gab es weder ein Bekenntnis zu dem Anschlag noch eine heiße Spur zu den mutmaßlichen Tätern oder ihren Motiven.

Zeitungsüberschriften spiegelten am Sonntag die Mischung aus Trauer und Wut, die nach den verheerenden Terrorattacken in der Türkei herrschte. "Wir trauern um den Frieden", titelte die oppositionelle linke Zeitung "Cumhuriyet" mit Bezug auf die dreitägige Staatstrauer. "Das Ziel ist es, die Nation zu spalten", schrieb dagegen das regierungsnahe Boulevardblatt "Star". Die gefährdete Einheit des Landes sprach auch der Staatspräsident selbst an. "Ich verurteile diesen abscheulichen Angriff zutiefst, dessen Ziel die Einheit, Solidarität und der Frieden unseres Landes gewesen ist", erklärte Recep Tayyip Erdogan in einer ersten Stellungnahme. Er versprach eine umfassende Aufklärung des Attentats - an die viele Oppositionelle nicht recht glauben mögen. "Wir wollen Frieden, aber der Staat will Krieg", sagte der Istanbuler Journalist Yüce Yöney, der bei dem Anschlag einen engen Freund verlor, gegenüber der "Wiener Zeitung".

Es lodert an allen Ecken

In Ankara versammelten sich am Sonntag tausende Menschen nahe dem Tatort am Hauptbahnhof und riefen Parolen gegen die Regierung und den Präsidenten wie "Mörder Erdogan". Zuvor hatten Bereitschaftspolizisten die beiden Vorsitzenden der prokurdischen Linkspartei HDP, Selahattin Demirtas und Figen Yüksekdag, mit Gewalt daran gehindert, am Anschlagsort Kränze niederzulegen.

Laut einer Erklärung der HDP, die die Friedensdemonstration am Samstag mitorganisiert hatte, wurden bei den Explosionen sogar 128 Menschen getötet und rund 500 Personen verletzt, deutlich mehr als amtlich gemeldet.

Die Opfer hatten für mehr Demokratie und gegen Gewalt zwischen Türken und Kurden demonstrieren wollen. Der Anschlag trifft die Türkei in einer dramatischen politischen Lage drei Wochen vor der Wiederholung der Parlamentswahlen vom Juni. Dabei hatte die seit 13 Jahren regierende islamisch-konservative AKP Erdogans ihre absolute Mehrheit im Parlament verloren, weil es der HDP erstmals gelungen war, die Zehnprozenthürde zu überspringen. Das Land ist politisch tief gespalten, in Südostanatolien herrscht wieder Krieg zwischen der Armee und der Kurdenguerilla PKK, im Nachbarland Syrien tobt ein blutiger Konflikt.