(ja) Nachdem Fotos und Videoaufnahmen von der Schändung einer Leiche durch türkische Polizisten für Empörung gesorgt hatten, hat das Innenministerium in Ankara erste Konsequenzen gezogen.
Die Bilder von einem Polizeiwagen, der die Leiche eines getöteten Kurden durch die Stadt Sirnak im Südosten der Türkei schleift, haben vergangene Woche weltweit für Aufregung gesorgt. Zunächst hatte das Innenministerium die Täter mit dem Hinweis auf eine mögliche Sprengfalle in der Leiche des 24-jährigen kurdischen Aufständischen Haci Lokman Birlik verteidigt. Das hätte freilich noch immer nicht erklärt, weshalb die Polizisten den Toten mit krassen Flüchen belegten. Als Reaktion auf Proteste schrieb Ministerpräsident Ahmet Davutoglu auf Facebook hingegen von einem "äußerst falschen Verhalten".
Nach einer internen Untersuchung des Innenministeriums wurden nun die beiden beteiligten Polizisten entlassen. Ob es auch zu einer strafrechtlichen Ahnung der Tat kommt, ist bislang nicht bekannt.
In den vergangenen Monaten war es nach einer langen einseitigen Waffenruhe der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) wieder zu schweren Auseinandersetzung zwischen den Rebellen und den staatlichen Organen der Türkei gekommen. Seit Juli wurden 140 türkische Sicherheitskräfte bei PKK-Anschlägen und mehr als 1.700 kurdische Rebellen bei Armeebombardements getötet. Die Dachorganisation der PKK, die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) hat am Samstag erklärt, sie werde ihre Angriffe bis zur Parlamentswahl am 1. November einstellen.
Kämpfe im Interesse Erdogans
Politische Beobachter sind sich darüber einig, dass die Eskalation des Konfliktes, den Interessen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan entgegenkommt. Erdogan hofft, dass seine islamisch-konservative Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) bei den Wahlen am 1. November eine absolute Mehrheit erhält. Dies wäre der erste Schritt auf seinem Weg zu einer Verfassungsreform, die ihn als starken Mann des Staates institutionalisieren soll. Bei diesen Plänen ist ihm die sozialdemokratische und kurdennahe Demokratische Partei der Völker (HDP), die bei den Wahlen im Juni 13,1 Prozent der Stimmen bekommen hat, im Weg. Mit Hinweisen auf angebliche enge Verbindungen zur PKK will die AKP potentielle Wähler der HDP abgeschrecken.
Verstörtes Land
Die Entscheidung des Innenministeriums ist ein kleiner Beitrag zur Beruhigung eines Landes, das nach dem verheerenden Bomben-Anschlag auf einen Friedensmarsch in Ankara am Samstag, in Aufruhr ist. Bis zu 130 Tote sind zu beklagen, bekannt hat sich niemand zu dem Massenmord. Verweise auf den Islamischen Staat (IS) lassen sichbislang  nicht belegen.
Aber viele frage sich, wie ein derartiges Massaker in der Hauptstadt und quasi unter den Augen eines massiven Polizeiaufgebots möglich sein konnte.