Die Türkei ist innenpolitisch tief gespalten, in Gegner und Befürworter einer friedlichen Lösung des Kurdenkonfliktes, in Religiöse und Säkulare, vor allem aber in glühende Anhänger und erbitterte Gegner des Präsidenten. Denn auch wenn Erdogan, der die Türkei in ein Präsidialsystem umwandeln will, selbst gar nicht antritt, geht es doch vor allem um ihn: Droht sein politisches Ende oder steigt er doch noch zum allmächtigen Herrscher auf? Das Land ist inzwischen so polarisiert, dass es kaum unentschlossene Wähler gibt. Die meisten Umfragen sagen voraus, dass die AKP wieder bei 41 Prozent landet und die HDP neuerlich den Sprung ins Parlament schafft.

Die Chance der AKP zur Alleinherrschaft besteht deshalb vor allem darin, eine Eigenheit des türkischen Wahlsystems auszunutzen. Denn das Parlament setzt sich nach dem Ergebnis der 85 Wahlbezirke zusammen. "In 36 Provinzen gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit für den Wechsel je eines Mandates wie in Burdur", sagt der Politikwissenschaftler Behlül Özkan von der Marmara-Universität in Istanbul. "Aber sämtliche Parteien mobilisieren, um die umstrittenen Bezirke zu gewinnen, das macht es unwahrscheinlich, dass die AKP mit ihrer Taktik Erfolg hat."

In Burdur geht es auf den ersten Blick noch vergleichsweise behäbig zu. Doch auch hier hat eine tiefe Verunsicherung die Menschen ergriffen. "Zwei Cousins haben ihre Arbeit verloren. Wir spüren die Krise, haben immer weniger Geld zur Verfügung", sagt eine 50-jährige Mutter von zwei Kindern. Sie will wieder für die CHP stimmen, aber als Beamtin ihren Namen nicht nennen. Sie habe erstmals Angst vor der Zukunft, sagt sie und liefert eine Erklärung, warum dennoch so viele Menschen in Burdur die AKP wählen. "Die AKP hat die Macht des Geldes, sie hilft den Armen mit Kohlen- und Geldspenden. Sie vergibt die Jobs im öffentlichen Dienst. Und die Bauern denken, sie verlieren die staatlichen Beihilfen, wenn sie nicht mehr für die AKP stimmen."

Tatsächlich prangen in Burdur, das mit seiner ländlich-konservativen Wählerstruktur typisch für das ethnisch und religiös weitgehend homogene Hinterland der Mittelmeerküste ist, vor allem AKP-Motive mit Geldversprechen für Pensionisten, Arbeiter und Studenten. Die anderen Parteien können da weder logistisch noch finanziell mithalten. "Die Bedingungen sind nicht fair. Wir haben viel weniger Geld, zumal die AKP staatliche Mittel nutzt, obwohl sie es gar nicht mehr dürfte", sagt der CHP-Spitzenkandidat für Burdur, Mehmet Göker. Was kann die CHP dem entgegensetzen? "Vor allem Glaubwürdigkeit", sagt Göker mit Verweis auf die erstmals im großen Stil durchgeführten Partei-Vorwahlen, die auch viele junge, weibliche und unkonventionelle Vertreter der Zivilgesellschaft hervorgebracht haben.

Alles hängt an Erdogan


Bei vielen in Burdur zündet aber dennoch die AKP-Parole, wonach nur eine starke Alleinregierung die multiplen Krisen im In- und Ausland handhaben kann. Falls die AKP die absolute Mehrheit verfehlt, befürchten zudem viele Türken, dass Erdogan eine weitere Neuwahl anstreben könnte und damit das Land und seine Wirtschaft weiter destabilisiert. Der Präsident sendet bereits entsprechende Signale aus. Am Donnerstag sagte er im Fernsehen: "Die Wahl ist ein Wendepunkt für das Land. Ich hoffe, dass die Bürger die Bildung einer Koalitionsregierung nicht erlauben werden."

In Burdur zumindest sind sich die Spitzenkandidaten mit den Bürgern einig, dass sie keinen weiteren Wahlgang wollen. "Wir haben die Lektion gelernt. Wenn das Ergebnis wieder genauso ausfällt, wird es keine weitere Wahl, sondern eine Koalitionsregierung geben", sagt der AKP-Kandidat Özcelik sehr bestimmt. Bleibt nur die Frage, ob das der Präsident in seinem Palast genauso sieht.