Brüssel. (czar/wak) Das Wirtschaftswachstum ist ein zartes Pflänzchen. Es blüht nur vorsichtig - aber immerhin kontinuierlich. In der Euro-Zone und der gesamten EU ist die wirtschaftliche Erholung das dritte Jahr spürbar. Und auch 2016 dürfte sie sich "moderat fortsetzen". Das geht aus der Herbstprognose hervor, die die EU-Kommission in Brüssel vorgestellt hat. Den Schätzungen zu Folge wird das Bruttoninlandsprodukt (BIP) in der Währungsgemeinschaft heuer um 1,6 Prozent und im kommenden Jahr 1,8 Prozent wachsen. Für die EU wird das Wachstum mit 1,9 und zwei Prozent angegeben. Das ist allerdings ein etwas geringerer Wert als noch im Frühling angenommen. Die Arbeitslosenrate soll zwar sinken, doch bleibt in der EU noch immer fast jeder zehnte Bürger ohne Job. Im Euro-Raum soll die Zahl höher, bei elf Prozent, liegen.

Dennoch zeigte sich Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici optimistisch. Denn 2016 werden sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die Haushaltsdefizite abnehmen. Diese werden in nur drei Euro-Ländern die zugelassene Marke von drei Prozent übersteigen: in Frankreich, Griechenland und Spanien. Doch Strukturreformen auf den Arbeitsmärkten aber ebenfalls in so manchem Steuersystem zeigen bereits erste Erfolge. Trotzdem mahnte Moscovici zu weiteren Anstrengungen. Als Herausforderungen nannte er "unzureichende Investitionen, wirtschaftliche Strukturen, die die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wachstum hemmen, sowie die anhaltend hohe private und öffentliche Verschuldung".

BIP-Wachstum durch Migration

Erstmals hat die Kommission auch mögliche wirtschaftliche Folgen der Flüchtlingskrise untersucht. Und sie kann den Migrationsströmen durchaus Positives abgewinnen. Zwar würden sich die öffentlichen Ausgaben erhöhen, dennoch gäbe es - wegen der zusätzlichen Arbeitskräfte - eine "schwache positive Wirkung" auf das Wirtschaftswachstum. Die Behörde geht in ihren Berechnungen von der Ankunft von drei Millionen Menschen bis 2017 aus. Diese könnten in dem Zeitraum das BIP um 0,2 bis 0,3 Prozent steigern. Wichtige Voraussetzung ist dabei allerdings die Integration der Eingewanderten, betonte Moscovici.

Zu etwas anderen Schlüssen kommt hingegen die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die aber auch die Entwicklungen in Ländern außerhalb der Europäischen Union unter die Lupe nimmt. Für die Wirtschaft der Türkei, Ungarns, Sloweniens, der Slowakei, Mazedoniens und Griechenlands könnte die Flüchtlingskrise negative Auswirkungen haben, schätzt die EBRD. Denn Behörden, Budgets und Arbeitsmärkte seien zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Für Griechenland beispielsweise prognostiziert die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung eine deutlich stärkere Rezession als die EU-Kommission schätzt. Es geht davon aus, dass die griechische Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,4 Prozent schrumpfen wird.