Hamburg. Der frühere deutsche Kanzler Helmut Schmidt (96) ist tot. Der SPD-Politiker war Anfang September in Hamburg wegen eines Blutgerinnsels am Bein operiert worden. Nach gut zwei Wochen verließ er das Krankenhaus und kehrte in sein Haus in Hamburg-Langenhorn zurück. Dort wurde er rund um die Uhr versorgt. Sein Gesundheitszustand hatte sich aber im Laufe der letzten Wochen verschlechtert.

Helmut Schmidt war zwar seit rund 30 Jahren kein Regierungschef mehr. Doch das Interesse an dem Hamburger Ehrenbürger, zigfachen Preisträger und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" war immer groß. Wo immer er auftauchte, die Säle waren voll. Besonders in Hamburg, wo die Menschen Schmidts Engagement als Innensenator bei der verheerenden Sturmflut 1962 mit mehr als 300 Toten nicht vergessen hatten. Damals hatte der gebürtige Hamburger eigenmächtig kurzerhand die Bundeswehr herbeibeordert, um den Menschen zu helfen.

Der "coolste Kerl Deutschlands"

Der 2008 in einer Umfrage zum "coolsten Kerl Deutschlands" gewählte Schmidt wurde über Parteigrenzen hinweg geschätzt. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist in Deutschland die Kanzlerschaft von 1974 bis 1982: Sie war von der Ölkrise, der Vorbereitung eines europäischen Währungssystems und dem Nato-Doppelbeschluss geprägt. Vor allem aber der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) haben Schmidts Amtszeit bis heute geprägt. Denn als am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von RAF entführt wurde, blieb der Kanzler hart, verweigerte den Terroristen Verhandlungen. Nach sechs dramatischen Wochen war Schleyer tot.

/"Mir ist sehr klar bewusst, dass ich - trotz aller redlichen Bemühungen - am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin", sagte Schmidt - und war gerade deshalb sehr bewegt, als ihm die Familie Schleyer 36 Jahre nach dem RAF-Mord als Zeichen der Versöhnung im April 2013 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis verlieh. "Es rührt mich heute zutiefst, dass die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt", sagte Schmidt bei der Preisverleihung.

Seit 1946 bei der SPD

Geboren wurde Helmut Schmidt am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek als Sohn eines Studienrats. Nach dem Abitur 1937 wollte er eigentlich Architekt werden. Im Zweiten Weltkrieg kämpfte er an der Ost- und Westfront. Nach Kriegsende studierte er Volkswirtschaft. 1946 wurde Schmidt SPD-Mitglied, ein Jahr später Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). 1942 heiratete er seine frühere Klassenkameradin Hannelore, genannt Loki. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Sohn Helmut starb noch vor seinem ersten Geburtstag. Tochter Susanne arbeitet heute für einen Wirtschafts-Fernsehsender.

1953 wurde Schmidt erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt, wo er sich als scharfer Widersacher von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU) profilierte. Aus dieser Zeit stammt sein Beiname "Schmidt-Schnauze". 1961 wechselte er als Innensenator nach Hamburg. Während der Sturmflut 1962 erwarb sich Schmidt erstmals deutschlandweites Ansehen als umsichtiger Krisenmanager. 1965 kehrte er in den Bundestag nach Bonn zurück. Während der ersten Großen Koalition übernahm er 1967 den SPD-Fraktionsvorsitz.

Ab 1974 Kanzler

Nach dem SPD-Wahlsieg und der Bildung der sozialliberalen Koalition 1969 wurde Schmidt Verteidigungsminister. Zusammen mit Kanzler Willy Brandt und Fraktionschef Herbert Wehner bildete er die "Troika", die die SPD lenkte. Nach dem Rücktritt von Karl Schiller übernahm Schmidt 1972 für kurze Zeit das Finanz- und Wirtschaftsministerium. Nach der Teilung des Ressorts führte er weiter das Finanzministerium. Nach Brandts Rücktritt im Mai 1974 wegen der Guillaume-Affäre wurde Helmut Schmidt sein Nachfolger.

Seine erste Regierungszeit war geprägt von der weltweiten Rezession und der Ölkrise. Größte innenpolitische Herausforderung in Schmidts über achtjähriger Kanzlerschaft war der Terror der Roten Armee-Fraktion (RAF) im "Deutschen Herbst" 1977, dem etwa Generalbundesanwalt Siegfried Buback und der Bankier Jürgen Ponto zum Opfer fielen. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde entführt, kurze Zeit später die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert. Schmidt entschloss sich zur gewaltsamen Befreiung durch die GSG 9 in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Einen Tag später wurde Schleyers Leiche gefunden. Schmidt übernahm für dessen Tod die politische Verantwortung. Für den Fall, dass die Befreiungsaktion für die "Landshut" missglückt wäre, hatte er bereits sein Rücktrittsschreiben vorbereitet.

In der Außenpolitik setzte Helmut Schmidt auf ein entschlossenes Vorgehen gegenüber dem kommunistischen Warschauer Pakt. Er gehörte zu den Architekten des sogenannten NATO-Doppelbeschlusses, der vor allem in der SPD umstritten war. Danach sollten in Europa atomare Mittelstreckenraketen stationiert werden, falls Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion ergebnislos blieben. Gemeinsam mit dem ihm freundschaftlich eng verbundenen französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing brachte Schmidt das Europäische Währungssystem und die Weltwirtschaftsgipfel auf den Weg.

An Differenzen vor allem in der Wirtschaftspolitik scheiterte 1982 die Koalition von SPD und FDP. Am 1. Oktober wurde Schmidt durch ein konstruktives Misstrauensvotum als Kanzler abgewählt. Sein Nachfolger wurde Helmut Kohl (CDU). Seit 1983 war Schmidt einer der Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit". In seinen fast 30 Buchveröffentlichungen seit 1961 sowie in zahllosen Artikeln und Vorträgen mischte er sich immer wieder auch mit unpopulären Meinungen in aktuelle Debatten ein.