Zagreb. (dpa) Die Überraschung des Wahlabends bringt Kroatien gleich ein neues Dilemma. Die neue Partei Most ("Brücke") avanciert auf Anhieb zur dritten politischen Kraft - und damit zum Königsmacher der künftigen Regierung. Allerdings lehnt sie jede Koalition mit den regierenden Sozialdemokraten (SDP) von Ministerpräsident Zoran Milovanovic oder der konservativen Oppositionspartei HDZ ab. Denn die beiden Großparteien waren für Most im Wahlkampf das Feindbild schlechthin: Versagen bei der Lösung der vielen Probleme im Land wurde ihnen vorgeworfen, Verschwendung von Staatsgeldern, Korruption und Reformunfähigkeit. Mit den "Altparteien" sei keine Regierung möglich, verkündeten die Neuen unermüdlich.

Jetzt freuen sich ihre Spitzenvertreter, dass "ohne uns keine Regierung möglich ist". Sie setzen auf eine Art Reformerpressung: Möglich sei die Tolerierung einer Großpartei, wenn diese sich zu handfesten und ernsthaften Reformen durchringe.

Reformmotor?

So könne Most "zum Generator für Reformen werden", sagt Politikprofessorin Smiljana Novosel. Prominente Politiker der neuen Partei nährten diese Hoffnung am Wahlabend mit der Aussage: "Uns interessieren nur Reformen." Diesem Druck entgehen könnten SDP und HDZ bzw. die von ihnen angeführten Wahlbündnisse "Kroatien wächst" und "Patriotische Koalition" nur durch eine Große Koalition. Doch das haben beide Seiten ebenfalls strikt abgelehnt.

Umso mehr wird Most von den beiden ideologisch tief zerstrittenen Lagern umworben. Beflissen wurde zum Wahlerfolg "dieser respektablen neuen politischen Kraft" gratuliert. Der stellvertretende SDP-Vorsitzende und Innenminister Ranko Ostojic machte schon ein listiges Angebot: Eine Zusammenarbeit könne ja auch in Abmachungen bestehen, eine Koalition sei nicht zwingend erforderlich.

Für die Umworbenen antwortete Robert Podolnjak, einer der führenden Most-Politiker: In jedem Fall müsse es "Absprachen geben, welche Reformen in welchem Zeitraum durchgeführt werden", sagte er. Dies sei die Bedingung.

Die größte Unsicherheit für das Zustandekommen eben dieser Reformen, die am Wahlabend in aller Munde sind, ist aber Most selbst. Die Partei sei ein zusammengewürfelter, "lockerer Zusammenschluss von Lokalpolitikern", der leicht in drei Teile zerfallen könne, warnten einige Analytiker nach Veröffentlichung der ersten Wahlergebnisse. In der Tat hat diese neue Partei die Wähler durch ihre Erfolge ausschließlich auf lokaler Ebene angezogen. Im Gegensatz zu den seit Jahrzehnten bekannten Altparteien und -politikern hätten die Neuen Protestwähler angezogen, die nach "dem dritten Weg" suchten, hieß es in ersten Kommentaren.

Doch mit der jetzigen Machtkonstellation ist die Regierungsbildung unsicherer denn je. Sie dürfte zumindest langwierig werden - oder in einer neuen Wahl münden.

350.000 Migranten

Der Wahlkampf selbst war zuletzt unter anderem von der Flüchtlingskrise geprägt; von Griechenland aus kommen täglich tausende Flüchtlinge über die sogenannte Westbalkanroute nach Kroatien, von wo aus sie weiter nach Österreich und Deutschland reisen wollen. Seit Ende September durchquerten so fast 350.000 Flüchtling das Land. Rund 5000 Flüchtlinge passieren derzeit täglich die Grenze zu Serbien. In Kroatien wollen nur wenige von ihnen bleiben.

Die Regierung zeigte Flüchtlingen gegenüber Mitgefühl, gegenüber den Nachbarländern, die sich die Flüchtlinge gegenseitig zuschoben, dagegen Härte. Das stieß in der Bevölkerung auf Sympathien. Die HDZ warb für einen schärferen Umgang mit den Flüchtlingen.

Am Montag wurde bekannt, das Kroatien zur Bewältigung der Flüchtlingskrise 16,43 Millionen Euro Soforthilfe von Brüssel bekommt. Mit den Mitteln sollen unter anderem Polizisten an der kroatisch-serbischen Grenze aufgestockt werden, dazu sollen die Bedingungen in Notunterkünften verbessert werden.

Anleger verunsichert

Die Aussicht auf eine schwierige Regierungsbildung hat unter Anlegern für Verunsicherung gesorgt. Dies verteuerte die Absicherung eines zehn Millionen Dollar schweren Pakets kroatischer Anleihen gegen Zahlungsausfall um 2000 auf 308.000 Dollar, teilte der Datenanbieter Markit mit. Das sei der höchste Stand seit knapp einem Jahr.