München. (da) Einfach hatten es Anja Sturm, Wolfgang Heer and Wolfgang Stahl seit Beginn des NSU-Prozesses im Sommer 2013 nicht. Das liegt nicht nur an ihrem Mandat: Mit Beate Zschäpe vertreten sie das einzige noch lebende Mitglied des "Nationalsozialistischen Untergrunds", auf deren Konto wohl zehn Morde an Migranten sowie an einer Polizistin in Deutschland gingen. Zschäpe versuchte während des Prozesses immer wieder, ihre drei Anwälte gegeneinander auszuspielen, versuchte ein Wettrennen um die Gunst der Mandantin anzuzetteln. Mittlerweile gibt es einen klaren Gewinner dieses Rennens: Den erst 30-jährigen Mathias Grasel, der erst im Juli als vierter Anwalt hinzugekommen ist.

Mit dieser Strategie gelang es Zschäpe, dass weniger die Untaten der NSU und die desaströse Arbeit des Verfassungsschutzes im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses standen, sondern die Kapriolen der Hauptangeklagten.

"Nur noch Fassade"

An den bisherigen 244 Verhandlungstagen schwieg Zschäpe. Doch am heutigen Mittwoch sollte Grasel eine Aussage der Hauptverdächtigen verlesen. Die anderen drei Anwälte traf diese Ansage völlig überraschend. Zschäpe machte damit einmal mehr die Demontage ihres eigentlichen Anwaltsteams klar.

Sturm, Heer und Stahl zogen ihrerseits die Konsequenzen: Sie beantragten am Dienstag vor dem Oberlandesgericht München ihre sofortige Entlassung. "Unsere Verteidigerbestellungen sind nur noch Fassade", sagte Heer auch im Namen Stahls und Sturms. Offensichtlich diene ihre Anwesenheit nur noch dem Wahren des Scheins einer ordentlichen Verteidigung Zschäpes.

Heer ging in seiner Kritik noch weiter, bezog sich auf die Umstände rund um die angekündigte Aussage Zschäpes. Demnach gab es in den vergangenen Wochen bereits Gerüchte, wonach Zschäpe aussagen wolle. Die ursprünglichen drei Verteidiger hätten Richter Manfred Götzl um nähere Informationen dazu gebeten. Diese Informationen habe das Gericht aber trotz wiederholter Aufforderung nicht gegeben und stattdessen auf Grasel verwiesen.

Stimmt diese Darstellung, hat nicht nur Zschäpe, sondern haben ihr Vertrauens-Anwalt Grasel und Richter Götzl das Trio demontiert: Der Anwalt, indem er Zschäpes geplante Aussage gegenüber den drei Kollegen für sich behielt. Und der Richter, indem er ebenfalls an ihnen vorbei agierte.

Bloß kann Richter Götzl die drei ursprünglichen Anwälte nicht einfach ihres Mandates entbinden. Denn Zschäpe könne ein "den Anforderungen an ein rechtsstaatliches Verfahren genügende Verteidigung erwarten", wie Heer selbst am Dienstag sagte. Ein Prozess dieser Größe und Komplexität wäre allerdings für Zschäpes neuen Vertrauensmann Grasel alleine nicht bewältigbar.

Aufgrund dieses Dilemmas zog Richter Götzl die Notbremse: Er unterbrach Dienstagnachmittag den Prozess, der am 17. November fortgesetzt wird. Die Erklärung von Zschäpe wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.