Paris/Hannover/Wien. An diesem Abend hätte wieder ein wenig Normalität nach Europa zurückkehren sollen. Doch das hat nicht geklappt. Davon zeugen auch am Morgen danach die Bilder aus Hannover. Der Bahnhof ist unbelebter als sonst. "Normalerweise würden Sie jetzt dreimal so viele Pendler sehen, da wäre hier alles rappelvoll", sagt ein Bahnmitarbeiter der Nachrichtenagentur dpa. Doch viele haben nun offenbar Angst. Stattdessen patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten auf dem Gelände. "Es ist traurig, aber man fühlt sich plötzlich schutzlos", sagt ein Bahnfahrer, der, obwohl großer Fußballfan, nun die Spiele von Hannover 96 meiden will.

Es gibt keinen Platz für Fehlinterpretationen

Am Dienstagabend ist das Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden abgesagt worden. Es haben laut Deutschlands Innenminister Thomas de Maiziere konkrete Hinweise auf eine Gefährdung vorgelegen. "Es gab keinen Platz für Fehlinterpretationen." So drückte es Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius aus. Auch das Match zwischen Belgien und Spanien konnte wegen Sicherheitsbedenken nicht stattfinden.

Wie gefährlich die Lage nun tatsächlich war, wird sich erst weisen - wenn es die Behörden jemals verraten. Die Symbolik der Ereignisse ist aber jetzt schon immens: Die Rückkehr zum gewohnten Alltag fällt nicht so leicht, wie wir uns das wünschen. "Mein Eindruck ist, dass der Fußball in Deutschland mit dem heutigen Tage in allen Facetten eine andere Wendung genommen hat", sagte DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball. Ausgerechnet den Fußball, bei dem so viele Menschen oft nur Ablenkung von ihren Sorgen suchen, haben die Terroristen nun zum Spielfeld ihrer kriegerischen Auseinandersetzung gemacht.

Freilich ist es kein Zufall, dass sie ausgerechnet dieses Spektakel für ihre Angriffe ausgewählt haben. Beim Fußball, diesem Vergnügungs-Event und Massenphänomen, können die Attentäter die Gesellschaft an einem äußerst wunden Punkt treffen. Es gibt in Europa kein anderes Ereignis, bei dem Woche für Woche in den verschiedensten Städten so viele Menschen an einem Ort zusammenkommen (und bei dem die Polizei manchmal mit ganz anderen Aufgaben als der Terrorabwehr beschäftigt ist).

Der Sport ist aber nicht die einzige Massenveranstaltung: Weihnachtsmärkte, Popkonzerte, Kinobesuche - um uns zu vergnügen, kommen wir zusammen. Und wir wollen uns weiter vergnügen - auch um die Terroristen nicht gewinnen zu lassen. Manche formulieren das trotzig, manche larmoyant - wie der Komiker Helge Schneider, der am Dienstagabend ebenfalls einen Auftritt in Hannover absagen musste. "Wenn das so weitergeht und ich am Ende morgen auch nochmal absagen muss, komme ich Donnerstag wieder", sagt Schneider in einem Video auf seiner Facebook-Seite, während er genüsslich eine Mandarine isst.