München. Im Münchner NSU-Prozess hat die Hauptangeklagte Beate Zschäpe eine direkte Beteiligung an der Mordserie der rechtsextremistischen Gruppe abgestritten. "Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt", erklärte Zschäpe in einem am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München verlesenen Text.

Von den Taten ihrer Kameraden Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos habe sie erst später erfahren, aber nicht die Kraft gehabt, sich zu stellen. In der von ihrem Anwalt verlesenen Erklärung schilderte Zschäpe ihren Weg von einer trostlosen Kindheit in Jena bis zum Abtauchen der Gruppe in den Untergrund. Mit dem Text brach Zschäpe nach fast 250 Verhandlungstagen ihr Schweigen. Sie ist angeklagt, für zehn Morde und zwei Sprengstoffanschläge mitverantwortlich zu sein.

"Hatte mit den Morden nichts zu tun"

"Ich weise den Vorwurf, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück", schrieb Zschäpe in dem von ihrem Pflichtverteidiger Matthias Grasel verlesen Text. "Ich hatte mit den Morden nichts zu tun." Dennoch fühle sie sich "moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte." Die Angeklagte entschuldigte sich auch "aufrichtig" bei den Opfern.

In ihrer verlesenen Aussage schilderte Zschäpe zunächst, wie sie Mundlos und Böhnhardt zur Wendezeit in Jena kennenlernte. Gefolgt seien ein "Katz- und Maus-Spiel" ihrer rechten "Kameradschaft Jena" mit Polizei und Verfassungsschutz und das Abtauchen in den Untergrund nach ersten Straftaten. Dann kamen Überfälle und die Morde, von denen sie aber erst im Nachhinein erfahren haben will.

So sagte sie zum ersten Mord 2000 in Nürnberg am Besitzer eines Blumenstandes, Enver Simsek: "Bis zum heutigen Tag weiß ich die wahren Motive nicht." Sie habe sich der Polizei stellen wollen, Mundlos und Böhnhardt hätten aber mit Selbstmord gedroht. Auch von dem Bombenanschlag in Köln 2004 habe sie erst erfahren, nachdem sie die beiden nach Presseberichten darauf angesprochen habe. Aus ihrer Sicht habe es sich damals um eine "brutale und willkürliche Aktion" gehandelt: "Die Kraft mich zu trennen (...) und mich der Justiz zu stellen, hatte ich jedoch nicht." Auch an der Vorbereitung und Ausführung von Morden in Rostock, Nürnberg und Hamburg sei sie nicht beteiligt gewesen.

"Ich war einfach nur sprachlos, fassungslos, unfähig darauf zu reagieren", hieß es in dem Text: "Rückblickend betrachte ich meine Reaktion so, dass ich resigniert hatte." Eine Chance, ins bürgerliche Leben zurückzukehren, habe sie nicht mehr gesehen: "Die beiden brauchten mich nicht. Ich brauchte sie." Auf das Geständnis weiterer Morde habe sie mit Fassungslosigkeit und Entsetzen reagiert: "Ich konnte die weiteren Dinge nur noch geschehen lassen." Auch finanziell sei sie auf die anderen angewiesen gewesen.

Mundlos und Böhnhardt hatten sich bei ihrer Enttarnung das Leben genommen.

Entschuldigung zurückgewiesen

Die Tochter eines vom NSU ermordeten Migranten hat die Erklärung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe im Münchner NSU-Prozess als "total konstruiert" bezeichnet und die Entschuldigung der mutmaßlichen Rechtsterroristin zurückgewiesen. Mit ihrer Erklärung am Mittwoch vor Gericht versuche Zschäpe, "sich aus der Verantwortung zu ziehen", erklärte die Nebenklägerin Gamze Kubasik.

"Dieser Aussage glaube ich kein Wort. Meine von vornherein geringen Hoffnungen, dass mit dieser Erklärung endlich die genauen Umstände des Mordes an meinem Vater aufgeklärt werden, sind enttäuscht." Gamze Kubasik ist die Tochter des im April 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbetreibers Mehmet Kubasik. Zschäpe hätte in ihrer Erklärung "vieles beantworten können", unterstrich die Nebenklägerin. "Sie hat jedoch nach einer sehr langen Verhandlung jetzt einfach versucht, ihre Rolle herunter zu spielen. Für mich ist das reine Taktik und wirkt total konstruiert."

"Eine Frechheit"

Gamze Kubasik erklärte dazu: "Die angebliche 'Entschuldigung' für die Taten von Mundlos und Böhnhardt nehme ich nicht an." Diese Äußerung Zschäpes sei "eine Frechheit, vor allem wenn sie dann noch verbunden wird mit der Ansage, keine unserer Fragen zu beantworten".

Auch der Opferanwalt Mehmet Daimagüler erklärte, die Aussage Zschäpes sei unglaubwürdig. Zschäpe habe ein "Lügenkonstrukt" vorgelegt. "Ich habe ihr heute kein Wort geglaubt", sagte Daimagüler.

Der Nebenklage-Anwalt Stephan Lucas sagte: "Heute hat man sehr gut verstehen können, warum es manchmal klug ist, einfach den Mund zu halten." Er ergänze: "Wenn das alles ist, was Frau Zschäpe uns zu sagen hatte, dann hätte sie besser gar nichts gesagt."

Bundesanwalt Herbert Diemer sagte: "Wir werden diese Einlassung natürlich genauestens prüfen." Sie sei "ein Beweismittel unter vielen". Eine Bewertung wolle er noch nicht vornehmen. "Alles andere wäre unprofessionell."