Paris. Acht Jahre ist die Filmaufnahme alt, auf der Charb spricht, als hätte er in eine Zukunft blicken können, die er nicht mehr erleben sollte. Und in der er klingt, als erkläre er seinen späteren Mördern die Regeln der Fairness, die sie dann so grausam missachteten. "Man hat das Recht, eine Zeichnung, eine Aussage, ein Wort nicht witzig oder nervtötend zu finden", sagt er, den Blick in die Kamera gerichtet. "Aber man kann mit einer Zeichnung, einer Aussage, einem Wort antworten. Man muss nicht den Krieg erklären und seinen Gegner physisch auslöschen." Genau das taten die Brüder Saïd und Chérif Kouachi, zwei fanatische Islamisten, die am Vormittag des 7. Jänner 2015 schwer bewaffnet in die Redaktionsräume des Satiremagazins "Charlie Hebdo" in Paris eindrangen, dessen Chefredakteur Stéphane Charbonnier, genannt Charb, war.

Neben Charb erschossen sie seine Zeichner-Kollegen Cabu (Jean Cabut), Philippe Honoré, Tignous (Bernard Verlhac) und Georges Wolinski, die Psychoanalytikerin Elsa Cayat, den Ökonom Bernard Maris, den Korrekturleser Mustapha Ourrad, den Redaktionsgast Michel Renaud, Charbs Personenschützer Franck Brinsolaro, den Polizisten Ahmed Merabet und Frédéric Boisseau, der gerade Wartungsarbeiten im Gebäude durchführte. Während die Kouachi-Brüder an den beiden Folgetagen noch auf der Flucht vor der Polizei waren, erschoss der Attentäter Amédy Coulibaly auf offener Straße die Polizistin Clarissa Jean-Philippe und tötete bei einer Geiselnahme im jüdischen Supermarkt Hyper Cacher den Angestellten Yohan Cohen sowie die Kunden Yohav Hattab, Philippe Braham und François-Michel Saada.

Die Erschütterung über die brutale Terrorserie ging weit über Frankreich und seine Hauptstadt hinaus. Mit "Charlie", wie das Magazin auch genannt wird, waren Symbole der Meinungsfreiheit getroffen worden, mit den Polizisten Vertreter der Staatsgewalt, und erneut wurden Juden zu Zielscheiben. Weltweit wurde das Motto "Je suis Charlie" zum Schlagwort gegen gewalttätigen Extremismus. In Paris versammelten sich Millionen Menschen zum Gedenken auf den Straßen um den Platz der Republik, unweit der früheren Redaktionsgebäude von "Charlie Hebdo". Auch diese starke Bewegung der Solidarität hatte Charb vorhergesehen: "Ich weiß, dass die Leute fähig sind, sich für die Meinungsfreiheit zu mobilisieren", sagte er in der Jahre zurückliegenden Aufnahme, die bisher unveröffentlicht war und die die Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte in ihrem neuen Dokumentarfilm eingebaut haben.

"L’Humour à mort", "Humor bis zum Tod", heißt der Film, der seit Dezember in französischen Kinos zu sehen ist. Es ist eine Hommage an die früher so lustige und aus Prinzip boshafte Truppe, die Daniel Leconte bereits 2008 in einem Film porträtiert hat. Der Regisseur mischt darin Szenen von unbeschwerten Momenten der Karikaturisten mit den erdrückenden Bildern nach den Anschlägen, vom Gedenkmarsch oder jener Pressekonferenz, auf der die verbliebene Redaktion ihre "Ausgabe der Überlebenden" vorstellte, die millionenfach in der ganzen Welt verkauft wurde. "Alles ist vergeben", erklärt ein weinender Prophet auf der Titelseite; inzwischen aber verzichtet "Charlie Hebdo" auf Mohammed-Abbildungen. Zu Wort kommen im Film unter anderem der heutige Redaktionsleiter Riss (Laurent Sourrisseau) oder die Zeichnerin Coco (Corinne Rey), die den Tätern gezwungenermaßen den Weg zur Redaktion und zu Charb, nach dem sie fragten, wies. "Als ich den Code eingebe, spüre ich die Kalaschnikow in meinem Rücken", lässt die junge Frau mit tränennassen Wangen den Horror Revue passieren. "Ich denke an meine Tochter, alles wirbelt durcheinander, ich bin eigentlich komplett zerrissen, ich . . . ich bin zerrissen." Sie selbst wurde von den Attentätern verschont, die erklärten, keine Frauen zu töten - und doch Elsa Cayat erschossen.

Zwei Tage nach ihren Morden starben Saïd und Chérif Kouachi in ihrem Versteck in einer Druckerei unweit von Paris bei einem Angriff der Polizei. "Wir haben Charlie getötet", hatten sie noch triumphierend gerufen. Doch "Charlie Hebdo" strafte sie Lügen und machte trotzig weiter, wenn auch tief getroffen und ohne seine talentiertesten Zeichner. Im Herbst verließ auch Rénald Luzier, genannt Luz, das Magazin, der die traumatischen Erlebnisse in einem berührenden Bildband verarbeitet hat. Auch der Lebensmittelladen Hyper Cacher öffnete kurz nach dem Attentat wieder. Er steht unter ständiger Polizeiüberwachung, ebenso wie dutzende andere jüdische, aber auch muslimische Einrichtungen und auch Medienhäuser. Dauerhaft herrscht die höchste Terrorwarnstufe in der französischen Hauptstadt, das Polizeiaufgebot wurde aufgestockt, ein neues Anti-Terror-Gesetz beschlossen, das den Geheimdiensten weitreichende Kontroll- und Abhörmöglichkeiten einräumt. Aber welche Schlüsse zog die Gesellschaft aus den Vorfällen? Premierminister Manuel Valls sprach von "sozialer Apartheid", verwies auf das Problem der Chancen- und Perspektivlosigkeit vieler Bewohner der Banlieues, den oft vernachlässigten Vororten. Die meisten sind Franzosen mit Einwanderungshintergrund, sie erleben, dass die Schlagworte der Gleichheit und Brüderlichkeit nicht für sie gelten - und können in den extremsten Fall einen tödlichen Hass auf Frankreich entwickeln. So war es auch bei den Attentätern. Und während Millionen Franzosen das Motto "Je suis Charlie" vor sich hertrugen, entstand auch eine Diskussion über jene, die sich von dieser Bewegung ausgeschlossen fühlten - viele Muslime wollten sich nicht mit jenem Satireblatt solidarisieren, das alle Religionen verunglimpft und eben auch den Islam. In einigen Vorort-Schulen verweigerten Kinder die Schweigeminute. Und so brachten die Anschläge auch die Brüche der französischen Gesellschaft ans Licht.