Ermutigend wirkt dagegen die Geschichte von Lassana Bathily, dem jungen Malier, der berühmt wurde als "Held des Hyper Cacher", wo er arbeitet und durch sein rasches Eingreifen während der Geiselnahme mehrere Kunden verstecken und dadurch retten konnte. Musste er zuvor um sein Bleiberecht in Frankreich bangen, so erhielt er im Anschluss die französische Staatsbürgerschaft. Nach den Pariser Terroranschlägen vom 13. November, bei denen 130 Personen getötet wurden, stand der schüchterne junge Mann erneut in den Medien, wo er zu Zusammenhalt und Frieden aufrief: "Ich will eine Botschaft der Hoffnung bei den Jungen verbreiten, von den Werten der Familie, die verhindert, dass sie Ziel von Fundamentalisten werden."

Das Leben musste weitergehen - in Erinnerung an die Opfer. Nach der getöteten Polizistin Clarissa Jean-Philippe wurden in ihrem Wohnort Carrières-sous-Poissy und in Montrouge, wo Coulibaly sie niederschoss, eine Straße und ein Platz benannt, während man in ihrer Heimat Martinique eine Statue zu ihren Ehren errichtete. Chloé Verlhac, die Witwe von Tignous, beendete einen von ihm begonnenen Comicband. Maryse Wolinski veröffentlichte ein Buch über den schmerzhaften Abschied von ihrem Mann, in dem sie Vorwürfe über zahlreiche Sicherheitsmängel erhob und ihrem Schmerz über den bitteren Verlust Ausdruck verlieh. "47 Jahre gemeinsamen Lebens zerschlagen", schreibt sie. "Ich schwanke zwischen Schlaflosigkeit und Alpträumen, Fassungslosigkeit und Verweigerung, Verschlossenheit und Wut, besessen von dieser Frage: Wie konnte sich eine Kriegsszene in Frankreich, in den Räumen einer Satirezeitung abspielen?" Sie gibt darin auch preis, dass Wolinski zuletzt auf Distanz zu "Charlie Hebdo" ging, dem er keine Zukunft mehr einräumte, denn längst fehlte es an Lesern, Unterstützung und Geld.

Das änderte sich seit den Anschlägen, doch kamen heftige interne Streitigkeiten zum Vorschein. Die verbliebenen Mitarbeiter forderten mehr Mitspracherechte ein. Nur nach Protesten von Kollegen wurde die Kündigung der Journalistin Zineb El Rhazoui zurückgenommen, die angeeckt war. Dem Blatt, das zuvor kurz vor der Pleite gestanden war, sicherten nun massenhafte Spenden aus mehr als 80 Ländern zumindest finanziell die Zukunft - doch der Umgang mit diesem Geld führte wiederum zu Unruhen. Nun hat das Magazin bekanntgegeben, den Familien der Opfer insgesamt knapp vier Millionen Euro zu überweisen. Die Redaktion, die zunächst bei der Zeitung "Libération" unterkam, ist inzwischen in ein neues Gebäude gezogen, während die alten Räume in der Rue Nicolas-Appert wieder vermietet werden sollen. Nach den Terroranschlägen vom 13. November veröffentlichte "Charlie Hebdo" ein umstrittenes Titelblatt. "Sie haben die Waffen", stand darauf, "das ist uns egal, wir haben den Champagner!" Weitermachen, weiter provozieren und anecken - darum geht es "Charlie Hebdo" ein Jahr nach dem Terror. Sonst hätte dieser gewonnen.