Moskau. Die Ikone ist mit Blumen geschmückt, das Gold des Heiligenscheins gleißt im Licht. Zwei Geistliche flankieren das Heiligenbild, die Hände in heiliger Andacht gefaltet. Frauen mit bunten Kopftüchern stellen sich an, um sich vor der Ikone niederzuwerfen und sie zu küssen. Junge Männer in Uniform schieben sich durch die Ausstellungsräume. Der Industrialisierung und den ersten Fünfjahresplänen ist der prächtigste Saal gewidmet. "Die größten Fabriken wurden in den 30er Jahren gebaut", spricht ein Exkursionsleiter feierlich in sein Headset. "Wir hatten keine Luftfahrtindustrie. Jetzt haben wir eine!", wird ein Stalin-Zitat auf die Wand projiziert.

Abgrenzung vom Westen

Ein Ort, der den orthodoxen Glauben und den Stalin gleichermaßen ehrt? In der "Manege", Moskaus beste Ausstellungsadresse gleich neben der Kreml-Mauer, ist das kein Widerspruch. Die Ausstellung "Die orthodoxe Rus - meine Geschichte 1914-1945" wurde im November vom Kulturrat des Patriarchats mit Unterstützung der Moskauer Stadtregierung organisiert. Die Erfolge der Sowjetführer "stehen außer Zweifel, selbst dann, wenn diese Führung auch für böse Taten verantwortlich war", so Patriarch Kirill bei der Ausstellungseröffnung.

. . . führt "Memorial" Interessierte zum Gedenkstein für Gulag-Opfer.
. . . führt "Memorial" Interessierte zum Gedenkstein für Gulag-Opfer.

Der Zweck heiligt die Mittel - eine Sprachregelung, die sich auch durch die Ausstellung zieht. Schulkinder werfen staunende Blicke auf die Decke, mit Bildern von Zeppelins, Autos und Zügen übersät. Auf einem Bildschirm mit dem Übertitel "Das Leben ist besser und fröhlicher geworden" kann man sich über die Errungenschaften der sowjetischen Industrialisierung informieren. In einem kleinen Verschlag, fast zu übersehen, befindet sich hingegen die Gulag-Ecke. "Es gab auch Repressionen in der Sowjetunion", räumt der junge Exkursionsleiter vor einer Schülergruppe ein. "Aber das war nun mal notwendig, damit es diesen anderen, schönen Raum gibt."

Immer wieder wird die spirituelle und geschichtliche Bedeutung Russlands gepriesen - auch, um sich vom Westen abzugrenzen: "Der Westen täte gut daran, sich zu erinnern, dass Russland ihn vor der Sklaverei bewahrt hat", wird der Religionsphilosoph Nikolaj Berdjajew (1874-1948) zitiert. Mit einem Zitat von Patriarch Kirill wird auch die Brücke zur Gegenwart geschlagen: "Wir sind stark genug, um uns nicht vor dieser historischen Verantwortung und Verpflichtung zu drücken, die Sieger zu sein."

Die Orthodoxie und die Sowjetunion zu einem patriotischen Potpourri zu vereinen, ist kein völlig neuer Zugang. Der russische Intellektuellen-Klub Izborski entwarf 2012 mit der "Deklaration von Uljanow" ein Konzept für ein einheitliches historisches Fundament zur wechselvollen Geschichte Russlands, das vergangene Größe beschwört - sei es "die Rus der Vor-Romanov-Periode, das St. Petersburger Imperium oder das sowjetische Projekt". Ein eklektisches Weltbild, das sowohl die Roten (Rotgardisten) als auch die Weißen (Weißgardisten) als Patrioten abholen soll, schreibt Roland Götz von der Freien Universität Berlin: "Russlands Geschichte vom Zarismus über die sowjetische Periode bis hin zu Putins Agieren in der Ukraine wird als Verwirklichung einer höheren Bestimmung interpretiert." Die Einheit von Staat und Kirche, die Verbindung von Orthodoxie und Stalinkult, hat den bekannten russischen Theologen Andrej Desnizki dazu veranlasst, vom "orthodoxen Stalinismus" zu sprechen.

Überhaupt wird Stalin in der Ausstellung viel Platz eingeräumt. Auf einer Wand stehen einander Pro-Contra-Zitate zum umstrittenen Sowjetführer gegenüber. "Stalin hat gezeigt, was Russland für die Welt bedeutet", wird ein ehemaliger Erzbischof von Simferopol unter Anspielung auf den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zitiert. "Als orthodoxer Christ und russischer Patriot verneige ich mein Haupt tief vor Stalin." - "Es ist schwer, mit Stalin zu diskutieren - du bist für ihn nur eine Fußnote, und er bedeutet für dich Verbannung", kommt der Politiker und Journalist Karl Radek zu Wort. "Schon seltsam, dass alle Stalin-Kritiker einen Namen haben, der nicht sehr russisch klingt", wirft der Exkursionsleiter ein. Die Gruppe lacht. Als nächstes kommt ein kritisches Zitat des Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenyzin. "Ja, unser lieber Freund der USA", sagt der Exkursionsleiter verächtlich. "Man muss wissen, dass er Russland nie wirklich geliebt hat."

Eine andere Geschichte erzählt hingegen die Exkursion der Organisation "Memorial", in Anlehnung an das Berliner Projekt "Topographie des Terrors" genannt. Memorial arbeitet Menschenrechtsverbrechen aus der Sowjetzeit auf und wurde 1988 auf Initiative des Atomphysikers und Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow gegründet. "In Berlin wissen die Leute genau über den Terror Bescheid", sagt der junge Exkursionsleiter. "Hier ist das nicht der Fall."

Ein zweistündiger Spaziergang führt zu den Schauplätzen der grausamsten KGB-Verbrechen in Moskau, rund um die berüchtigte Ljubjanka, heute Sitz des russischen Geheimdienstes FSB, vorbei an unscheinbaren Fassaden und Baustellen. Einen Stopp gibt es auch vor einer mit Planen überdeckten Fassade eines Amtsgebäudes, in dem zur Zeit des Stalin-Terrors tausende Menschen erschossen worden sein sollen. "In der ganzen Stadt Moskau gibt es keinen Hinweis, keine Erinnerungstafel, die auf die Opfer hinweisen würde", sagt der Leiter.

Eine Handvoll Interessierte

Während die Ausstellung "Meine Geschichte" vom Kreml maßgeblich unterstützt wurde, hat "Memorial" einen schweren Stand. Die Organisation wird als "ausländischer Agent" von den Behörden verfolgt und öffentlich oft als anti-patriotische "fünfte Kolonne" geschmäht. Zu den Spaziergängen, die nur alle drei Monate angeboten werden, kommen indes auch kaum mehr als eine Handvoll Leute. "Wir brauchen einen patriotischen Trend im gesellschaftlichen Bewusstsein", schrieb zuletzt die Militärhistorische Gesellschaft. "Wir brauchen Filme, Bücher, Ausstellungen, Videogames, wir brauchen ein patriotisches Internet, ein patriotisches Radio und Fernsehen - in diesem Krieg um die Seelen." Der Brief wurde unter anderem vom stellvertretendem Ministerpräsidenten Dmitri Rogosin und Kulturminister Wladimir Medinski unterzeichnet.