Das macht der russische Präsident Wladimir Putin ebenfalls nicht.

Eine interessante Parallele zu Russland: Wenn sich Widerstand aus der Zivilgesellschaft formiert, sagt man im Kreml sofort: Das ist gar nicht die Zivilgesellschaft. Das sind ausländische Agenten. Wenn es nämlich einen groß angelegten Protest geben würde, der als legitim verstanden würde, dann würde man den moralischen Alleinvertretungsanspruch verlieren. Dann wäre klar: Da gibt es in der Gesellschaft noch ganz andere, die auch ganz andere Wünsche haben. Über die Maidan-Proteste in Kiew hat Moskau gesagt: Da steckt die CIA dahinter. Und in der Türkei hieß es nach den doch umfangreichen Gezi-Park-Protesten: Das seien "gar keine echten Türken" gewesen.

Welche Rolle spielt ein gewisser Wohlfahrts-Chauvinismus - Marke: "unser Land für unsere Leut" - bei solchen Parteien?

Natürlich spielt das eine Rolle. Und das nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Dort sieht sich die rechtspopulistische Tea-Party-Fraktion der republikanischen Partei als "weiße Bürgerrechtsbewegung".

In Deutschland hatten rechtspopulistische Parteien oder Parteien am rechten Rand bisher noch keinen Erfolg. Warum ist das so?

Die Alternative für Deutschland, die AfD, ist keine populistische Partei. Sie ist vor allem eine Anti-Euro-Partei, aber je nachdem, wie sie sich weiter entwickelt, kann sie zu einer rechtspopulistischen werden. Ich denke, es ist ein Fehler zu sagen, jeder, der die Euro-Politik kritisiert, ist automatisch Rechtspopulist. Um Populist zu sein, muss man diesen antipluralistischen und moralisierenden Anspruch haben. Populisten sagen: "Nur wir sind legitim, die anderen sind illegitim." Wenn man in einer Demokratie mit der Parole antritt: "Wir sind das Volk", dann hat das einen ausschließenden Charakter. Wenn man aber sagt: "Wir sind auch das Volk, wir fühlen uns vergessen, wir als einer bestimmten Schicht, als einer bestimmten Religion zugehörig fühlen uns unterrepräsentiert", dann ist das legitim. Aber zu sagen, wir sind die einzig Wahren und die anderen sind ja gar nicht richtig "die Unsrigen", ist eine klare Überschreitung der Grenze zum Populismus.

Zur Person

Jan-Werner Müller

studierte Politikwissenschaft an der FU Berlin in London, am St Antony’s College der Universität Oxford und an der Princeton University. Seit 2005 lehrt er in Princeton und ist regelmäßig Gast am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien.