Chisinau. (leg) Moldawien gilt in Europa nicht gerade als Vorzeigestaat: Das Land zwischen Rumänien und der Ukraine ist das ärmste des Kontinents. Wirtschaft und Politik sind von Korruption zerfressen, die Mittellage zwischen der EU und Russland garantiert fast schon krisenhafte Entwicklungen. Darüber hinaus hat sich nach Erlangung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 auch noch das Gebiet östlich des Flusses Dnjestr, Transnistrien, von Chisinau abgespaltet. Alles keine guten Voraussetzungen für Erfolg und wirtschaftlichen Aufschwung.

Und dennoch: Die Verwerfungen, die die Republik Moldau seit vergangenen April erschüttern, haben eine eigene Qualität. Aus den Banken des 3,5 Millionen Einwohner zählenden Staats waren umgerechnet 915 Millionen Euro "verschwunden" - was 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) entspricht. Im Oktober musste deswegen die proeuropäische Regierung zurücktreten, Ex-Ministerpräsident Vlad Filat ist seitdem inhaftiert.

Seit letzter Woche hat Moldawien wieder eine Regierung. Die proeuropäische Parlamentsmehrheit wählte Pavel Filip zum Premierminister. Gelöst ist die politische Krise damit jedoch ganz und gar nicht: Denn hinter der Ernennung von Filip vermuten viele den Mann, dem das Verschwinden der Milliarde angelastet wird: den Oligarchen Wladimir Plahotniuc, der gerade dabei ist, das Land aufzukaufen. Ihm gehören unter anderem vier TV-Sender, einige Hotels, die moldauische Telekom und dutzende Fabriken. Filip gilt als sein Vertrauter. Mit seinem Geld hat sich Plahotniuc wesentlichen Einfluss im Parlament gesichert. Auch in der Polizei, der Staatsanwaltschaft und den Gerichten sowie der Anti-Korruptionsbehörde soll er viele Gefolgsleute haben. Und Plahotniucs Ehrgeiz ist nicht gering - angeblich will er im März Präsident Nicolae Timofti beerben.

Ultimatum bis Donnerstag

Ob ihm das gelingen wird, bleibt offen. Seit Wochen demonstrieren Zehntausende in Chisinau gegen Plahotniuc. Vergangenen Donnerstag, nach der Vereidigung der neuen Regierung, wurde sogar das Parlament gestürmt. Oppositionelle fordern ultimativ, dass die Regierung bis Donnerstag das Parlament auflöst und Neuwahlen ausschreibt. Der Kampf gegen den Oligarchen eint derzeit unterschiedliche oppositionelle Kräfte, sowohl die prorussischen Sozialisten und Kommunisten als auch die proeuropäische DA von Oppositionsführer Andrei Nastase.