In jenen Jahren in Brüssel bereitete Johnson seinen Lesern größtes Vergnügen mit Spottartikeln über EU-Bürokraten, Angriffen gegen die Union generell und der rhetorischen Demontage des damaligen Kommissionschefs Jacques Delors speziell. Mit leichter Feder und cleverer Häme schärfte er sein Profil.

Seine britischen Kollegen in Brüssel pflegten über "Boris endlose Verdrehungen und Erfindungen" zu stöhnen. Aber bei Telegraph-lesenden Tories daheim kamen die Schmähschriften "aus dem Herzen der Union" bestens an. Selbst zur Gründung der Unabhängigkeits- und Anti-EU-Partei Ukip sollen Johnsons Berichte aus Brüssel ihr Teil beigetragen haben damals.

Später, während seiner Karriere als Abgeordneter und Bürgermeister, schwankte er zwischen Akzeptanz der EU (etwa gegenüber der Hochfinanz der Londoner City) und immer neuer, fast bekümmerter Ablehnung der Institution. "Warum", fragte er einmal, "suchen wir diese unselige Anhäufung unabhängiger Staaten so verzweifelt mit Kaugummi zusammenzuhalten?"

Ihm komme es so vor, als sei die EU "die Antwort von gestern auf eine Frage von vorgestern", meinte Johnson. Und schon vor eineinhalb Jahren erklärte er, dass man sich "vor einem Austritt nicht fürchten" müsse - wenn es nicht wirklich "fundamentale Reformen" gebe. Nun findet Boris Johnson, dass Cameron, der am Wochenende die Bedingungen für den Verbleib seines Landes in der EU aushandelte, keine "fundamentalen Reformen" mit nach Hause gebracht hat. Also gebe es - leider - "keine andere Wahl" als ein Nein zur EU.