Wien. Vor wenigen Tagen beging der gebürtige Russe Evgeny Afineevsky in Wien die Österreich-Premiere seiner oscarnominierten Dokumentation über die Ereignisse in der Ukraine rund um den Maidan. Im Interview spricht er über seine Beweggründe, die Kraft der Menschen, wenn es um die Gestaltung ihrer Zukunft geht, und über sein neuestes Projekt.

"Wiener Zeitung": Was bedeuten die Ereignisse auf dem Maidan-Platz in der Ukraine Ende 2013 für Sie und was hat Sie dazu bewogen, darüber einen Film zu machen?

Evgeny Afineevsky: Für mich hat dieser Aufstand ab November 2013 nicht nur die Geschichte verändert, er hat Geschichte geschrieben. Und zwar nicht nur für die Ukraine, sondern auch für die EU und für die Welt. Das sind wundervolle Geschichten von Leuten, die trotz der Kälte, der Polizei und der Restriktionen aufgestanden und auf die Straße gegangen sind. Diese Einheit hat mein Herz berührt und mich veranlasst, bei ihnen zu bleiben und ihre Geschichte zu erzählen.

Wie war die Stimmung während der Dreharbeiten?

Dieser Aufstand war ein Spiegelbild dessen, wie sich die menschliche Natur, die Musik, die Kunst, das Herz und die Seele mit Blut und Gewalt verbinden. Das wichtigste Element ist, dass es eine menschliche Story ist. Der Aufstand am Maidan in Kiew und anderswo im Land sowie die einzigartigen Ereignisse haben die Einheit aller Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und sozialen Schichten eindrucksvoll demonstriert.

In Ihren Statements legen Sie immer darauf Wert, kein Politiker zu sein, und wollen den Film auch nicht in einer politischen Schublade sehen. Dennoch meine Frage: Wie waren die politischen Reaktionen auf Ihren Film in der Ukraine?

Ja, ich bin Filmemacher und kein Politiker - darauf lege ich Wert. Ich erzähle die menschlichen Geschichten hinter den Headlines. Die Reaktion aus der Ukraine ist klar: Dieser Film ist ein Weckruf. Die Menschen wollten ihre Zukunft verändern und haben das auch getan. Letztendlich haben sie gewonnen. Was sagt uns das? Die wahre Macht liegt in den Händen der Menschen, nicht in jenen der Regierungen.

Und welches Echo kam aus Ihrem Geburtsland, also aus Russland?

Ich bin ja mit 18 Jahren aus Russland weggezogen und habe noch immer einige Freunde dort. aber die Reaktionen waren unterschiedlich. Manche Menschen haben ihren Kontakt mit mir nach dem Film abgebrochen und sprechen nicht mehr mit mir.

Was bedeutet der Film für die Zukunft der Ukraine?

Durch die Ereignisse rund um den Maidan wurde die Nation neu geboren. Es gibt eine Zukunft, eine neue Identität und die Menschen kämpfen noch immer. Wir können sagen, dass der Maidan das erste Kapitel dieses Kampfes für Freiheit war. Es gibt aber heute in der Ukraine noch viele Probleme - und die Korruption ist ja nur eines davon - zu bewältigen und das alles braucht seine Zeit.

An welchem Projekt arbeiten Sie derzeit?

Ich arbeite nun an einem Film über Flüchtlinge, und zwar über syrische Kinder. Das Essenzielle an diesem Film ist es, den Menschen zu vermitteln, ihre Augen, ihr Herz und ihre Seele zu öffnen.

Zur Person

Evgeny Afineevsky,

geboren am 21. Oktober 1972, ist ein russischer Filmemacher. Der internationale Durchbruch gelang ihm 2015 mit der Dokumentation "Winter on Fire - Der Kampf der Ukraine um die Freiheit". Derzeit lebt er in Kalifornien.