Brüssel. (czar) Eine virtuelle Wolke voller wissenschaftlicher Erkenntnisse, das Internet der Dinge, vernetzte Produktionsprozesse und Dienstleistungen: So sieht die Zukunft der Wirtschaft aus. Zumindest in den Augen der EU-Kommission. Der Brüsseler Behörde ist klar: "Die industrielle Revolution unserer Zeit ist digital." So formulierte es Vizepräsident Andrus Ansip, der gemeinsam mit Kommissar Günther Oettinger für den digitalen Binnenmarkt zuständig ist, bei der Präsentation der Vorschläge zur Förderung der entsprechenden Technologie.

Unterstützung bei der Digitalisierung der Wirtschaft haben bereits etliche Regierungen in Aussicht gestellt. In Deutschland beispielsweise laufen die Bemühungen unter dem Stichwort "Industrie 4.0" zusammen. Doch geht es nach der Kommission, sollten die Staaten enger zusammenarbeiten - so wie sich die Branchen untereinander vernetzen sollten. Eine Fragmentierung des Marktes solle auf diese Weise verhindert werden. Und für die Unternehmen gelte: Sie müssten die digitalen Möglichkeiten, die bereits in etlichen Teilen der Wirtschaft Eingang gefunden haben, auch nutzen. Immerhin würden ihnen dadurch laut einer Untersuchung im Auftrag der Kommission Umsatzsteigerungen in Höhe von mehr als 110 Milliarden Euro pro Jahr winken.

Daher wünscht sich die Behörde mehr Koordinierung bei nationalen und regionalen Initiativen und setzt auf bestimmte Standards wie Datenfunk mit 5G. Ein unionsweites Netz von "Technologie-Exzellenzzentren" soll entstehen, in denen Betriebe digitale Innovationen testen und sich beraten lassen können. Dafür sollen 500 Millionen Euro aus dem EU-Budget zur Verfügung gestellt werden. Dieser Betrag werde sich aber noch verzehnfachen, hofft die Kommission. Sie glaubt, dass durch die Vorschläge bis 2020 mehr als 50 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisiert werden könnten. Um die anzulocken und so das Wachstum der digitalen Wirtschaft zu sichern, seien "gemeinsame Anstrengungen" notwendig, erklärte Oettinger.

Wolke voller Daten

Allerdings sollen auch Forscher von den neuen Möglichkeiten profitieren. Zu diesem Zweck lanciert die Kommission eine europäische "Cloud-Initiative", deren Kosten sie auf 6,7 Milliarden Euro schätzt. Diese Rechnerwolke soll zu einer europäischen Cloud für offene Wissenschaft ausgebaut werden. Die ins Netz gestellten Erkenntnisse sollen zunächst einmal europäischen Forschern dienen und mit bereits bestehenden Datenbanken verknüpft werden können. Ab dem kommenden Jahr soll dann jenes Wissen, das mit Hilfe von EU-Finanzmitteln generiert wird, offen zugänglich sein. Bis zum Jahr 2020 soll eine europäische "Großinfrastruktur für Hochleistungsrechner, Datenspeicher und Netze" stehen.

Das soll auch der Industrie sowie kleinen und mittleren Betrieben zugutekommen, die bisher meist keinen Zugang zu solchen Ressourcen haben. Ebenfalls sollen öffentliche Dienste davon Gebrauch machen.

Für ihre Initiative erhielt die Kommission schon lobende Worte aus Wirtschaftskreisen. Die Prioritäten seien richtig gesetzt, hieß es etwa aus dem Industrie-Dachverband Businesseurope. Dass auch kleine und mittlere Betriebe digitale Technologien in weit größerem Ausmaß als bisher nutzen, sei wichtig, um die Konkurrenzfähigkeit der EU zu stützen sowie Arbeitsplätze zu sichern.

Ebenso wies der österreichische Staatssekretär Harald Mahrer auf die Notwendigkeit der Schaffung eines "echten digitalen EU-Binnenmarktes" hin. Ohne diesen hätte Europa im Innovations-Wettbewerb mit den USA, Indien oder China keine Chance.

Einwände gab es aber auch. So sieht der Bundesverband der Deutschen Industrie die in Aussicht gestellte Fördersumme von 50 Milliarden Euro für fünf Jahre als zu gering an. Allein in Deutschland wären bis 2020 Investitionen in Höhe von bis zu 30 Milliarden Euro nötig - jährlich.