Brüssel/Berlin. (red) Sieben Kernreaktorblöcke sind an den beiden Standorten Tihange und Doel in Belgien in Betrieb. Gleich zwei von ihnen - Tihange-2 und Doel-3 - forderte die deutsche Bundesregierung "bis zur Klärung offener Sicherheitsfragen" abzuschalten. Tihange liegt nur 60 Kilometer von der deutschen Grenzstadt Aachen entfernt. Deutsche Fachleute sehen wegen feiner Risse in den beiden Reaktorblöcken keine Garantie, dass sie auch bei einem Störfall sicher seien, sagte die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) am Mittwoch. Allerdings gebe nach Einschätzung der Reaktorsicherheitskommission auch keine Hinweise, dass die Sicherheitsreserven aufgezehrt seien.

Belgien will der Forderung der deutschen Regierung jedoch nicht nachkommen: "Wir bleiben bei unserer Auffassung, dass die AKW-Blöcke Tihange-2 und Doel-3 die höchsten Sicherheitsanforderungen erfüllen und es zurzeit keinen Grund gibt, unsere Auffassung zu ändern", sagte der Generaldirektor der belgischen Bundesagentur für Atomsicherheit (Afcn), Jan Bens, am Mittwoch. Die Agentur verwies auf ein Treffen mit Vertretern des deutschen Umweltministeriums und der deutschen Reaktor-Sicherheitskommission Anfang April. Dabei seien die deutschen Bedenken zwar angesprochen worden, hätten aber den Afcn-Beschluss nicht infrage stellen können, den Betrieb von Tihange-2 und Doel-3 wieder aufzunehmen.

Wegen Materialfehlern blieb Tihange-2 für 21 Monate abgeschaltet und ging im Dezember 2015 wieder ans Netz. Bereits damals gab es heftige Proteste aus Deutschland. "Der Weiterbetrieb dieser Schrottreaktoren ist Russisches Roulette", empörte sich etwa der grüne Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer. Im Februar legte die Städteregion Aachen nach und kündigte eine Klage vor dem höchsten belgischen Verwaltungsgericht an. Und in Belgien unterschrieben 750.000 Menschen eine Petition gegen Tihange-2 und Doel-3.

Belgiens AKW wurden allesamt in den 1970ern erbaut. Mit Ende 2015 sollten die Reaktorblöcke Tihange-1 sowie Doel-1 und -2 abgeschalten werden. Doch die Regierung verlängerte die Laufzeit bis 2025, wogegen bereits Luxemberug Bedenken angemeldet hat. Frühester Abschalttermin ist derzeit 2022, Doel-3 ist davon betroffen.

Auch EU-Kommission ermittelt


Die Laufzeitverlängerung ruft auch die EU-Kommission auf den Plan. Sie kündigte im Februar eine Prüfung an, ob es sich bei der Abmachung zwischen Belgien und dem Betreiber Electrabel zum Weiterbetrieb um eine verbotene Staatsbeihilfe handelt. In Fragen der Nuklearsicherheit sieht die Kommission hingegen die EU-Mitgliedstaaten in der Pflicht.