- © Luzia Puiu
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Wien/Alpbach. Das Europäische Forum Alpbach wird sich heuer schwerpunktmäßig auch mit der Frage beschäftigen, wohin die EU geht. Das Generalthema der von 17. August bis 2. September dauernden Veranstaltungen ist "Neue Aufklärung". Erwartet werden in Alpbach unter anderem EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sowie die EU-Kommissare Kristalina Georgiewa und Günther Oettinger, der Präsident der Europäischen Gerichtshofs, Koen Lenaerts, aber auch der frühere Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), Pascal Lamy, und der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis.

Wiener Zeitung: Das Thema des Denker-Festivals "Europäisches Forum Alpbach" lautet 2016 "Neue Aufklärung". Warum "neu"?

Franz Fischler: Bevor man diese Frage beantworten kann, stellt sich die Frage: Was ist eigentlich Aufklärung? Derjenige, der diese Frage am besten beantwortet hat, war der Philosoph Immanuel Kant, und das war vor 200 Jahren. Sein Credo: Aufklärung, das ist das Vermögen, unabhängig denken zu können. Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann hat an diese Frage angeknüpft und sich die Frage gestellt: Was ist heute das größte Hindernis für unabhängiges Denken? Seine Antwort: Vor allem im ökonomischen und politischen Umfeld hemmen Berater das selbstständige Denken.

Warum sprechen Sie von "neuer Aufklärung"?

Franz Fischler: Wir leben heute im Gegensatz zur Welt von Kant in einer globalisierten, digitalisierten Welt. Dazu kommt: In der Zeit Kants war der Nationalstaat das dominierende gesellschaftliche Konzept. Doch dieser Nationalstaat funktioniert im Rahmen einer globalisierten Welt nicht mehr. In der Vergangenheit ist das nationalstaatliche Konzept auch in Richtung Nationalismus pervertiert. Wir brauchen also neue Modelle, müssen der Frage nachgehen, wie man Bürgerbeteiligung im digitalen Zeitalter organisiert, wie man der zunehmenden Skepsis der Europäer gegenüber den Naturwissenschaften begegnet und wie man supranationale Organisationen wie die Europäische Union wieder flott kriegt.

Paradoxerweise ist die Globalisierung zuletzt in einer Renaissance des Nationalismus gemündet.

Franz Fischler: Das ist vollkommen richtig. Wir stehen derzeit eben an einer Weggabelung, und niemand weiß so recht, wohin die Reise geht. Die Aufklärung wird zur Zeit von vielen Seiten in Frage gestellt. Von Fundamentalisten in der islamischen Welt, von Kreationisten in den USA oder Klimawandel-Leugnern andernorts. Oder eben auch von denen, die Nationalismus predigen, wo wir doch gemeinsame europäische oder überhaupt globale Lösungen brauchen.

Gabriela Gandel: Dazu kommt, dass wir endlich verstehen müssen, dass der Planet seine Belastbarkeitsgrenze hat. Ressourcen sind endlich, das Klimasystem ist nicht unendlich elastisch. Bis vor ein paar Jahren waren wir in einem Wachstumsparadigma ohne wenn und aber gefangen. Heute müssen wir erkennen, dass grenzenloses Wachstum schlicht unmöglich ist.

Der Universalhistoriker Eric Hobsbawm nannte das 20. Jahrhundert das "Zeitalter der Extreme". Das bisherige 21. Jahrhundert könnte man ein Zeitalter der Verwirrung nennen. Oder kommt es zu einer Wiederholung des "Zeitalters der Extreme"?

Franz Fischler: Wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der Verwirrung - das allerdings durchaus die reale Gefahr in sich birgt, zu einem zweiten Zeitalter der Extreme zu werden.

Gabriela Gandel: Die Digitalisierung ist ein Schlüssel zur Bewältigung unserer Probleme, sie birgt aber auch Gefahren in sich. Denken wir an die sozialen Netzwerke. Es geht in sozialen Netzwerken nicht darum, durch Fakten zu überzeugen. Es geht um soziale Autorität, um Popularität, und nicht darum, ob jemand überprüfbaren, auf Wissen fußenden Content liefert. Und das trägt zur bereits angesprochenen Konfusion bei.

Angesichts der Krise der liberalen Demokratie werden immer öfter Zweifel an diesem Modell laut.

Franz Fischler: Ich kann es schon nicht mehr hören: "Die Demokratie ist in der gegenwärtigen Form einfach zu aufwendig." Sehen Sie doch nach China, oder blicken Sie auf Wladimir Putin oder auf Viktor Orbán oder die vielen anderen! Die sind viel schneller mit ihren Entscheidungen!" Natürlich sollten wir darüber nachdenken, wie wir zu schnelleren Entscheidungen gelangen können. Aber das Problem an diesem Diskurs ist, dass wir die Nachteile unseres Systems mit den Vorteilen eines nicht demokratischen Systems vergleichen. Und ignorieren dabei die Schwierigkeiten, Nachteile und Risiken von autoritären, nicht-demokratischen Systemen. Und das ist natürlich Unfug.

Gabriela Gandel: Wenn man pragmatische Entscheidungen beeinflussen will, dann präsentiert man am besten Daten und Fakten. Wenn man aber das Wertesystem von Menschen beeinflussen will, dann funktioniert das nur durch Dialog.

Franz Fischler: Wir gehen durch ein Jammertal der Geschichte. Wir kommen wir da heraus?: Ich glaube nicht an Revolutionen und große Veränderungen. Das gelingt nur durch das beständige Bohren dicker Bretter.