Machiavellistsche Züge und viel Geld sind Plahotniucs Markenzeichen.
Machiavellistsche Züge und viel Geld sind Plahotniucs Markenzeichen.

Chisinau. Dass in ihrem kleinen Land wenig funktioniert, daran haben sich die Menschen der Republik Moldau gewöhnt. Auf den öffentlichen Nahverkehr aber war zumindest Verlass. Im Stundentakt fuhren die Minibusse von der Peripherie in die Hauptstadt Chisinau - mit Heiligenbildchen an der Windschutzscheibe und folkloristischer Musikbeschallung. Jahrein, jahraus. Bei Hitze und im Schnee. Doch am dritten Sonntag im April kam ohne Vorwarnung kein Minibus angefahren, nahm auch kein Taxi mehr die Richtung ins Zentrum von Chisinau. Dorthin, wo für den Nachmittag Regierungskritiker zum Massenprotest gerufen hatten.

Die Geschichte mit den Minibussen erzählt viel von der Art und Weise, wie dieses Land an der rumänischen EU-Außengrenze geführt wird, wie Sachen in der Republik Moldau passieren und geregelt werden. Inoffiziell, nicht zurückverfolgbar, wie von Geisterhand. Ob nun eine Milliarde Dollar aus dem Bankensektor verschwindet oder eben die Busse nicht mehr fahren.

Die Moldauer glauben nicht an übersinnliche Kräfte. Für sie hat die Geisterhand einen Namen: Vlad Plahotniuc, der reichste Unternehmer des Landes und Vorsitzende der Demokratischen Partei. "Er kontrolliert alles", sagt der Journalist Vitalie Calugareanu. In ein Amt gewählt wurde er nie.

Die Republik Moldau, in etwa so groß wie Nieder- und Oberösterreich zusammen, hat den Übergang vom Sowjetsystem zur Marktwirtschaft schwer verkraftet. Bis heute hat sie das Wirtschaftsniveau vor der Unabhängigkeit 1991 nicht mehr erreicht. Die Wirtschaftsleistung der 2,5 Millionen Einwohner liegt bei weniger als 1700 Euro pro Kopf. Wer kann, verlässt das Land, wer bleibt, sucht eine Identität im Vielvölkerstaat aus Rumänen, Ukrainern, Bulgaren und Gagausen. 500.000 Transnistrier leben jenseits des Dnister-Flusses in der Abtrünnigkeit und von Moskaus Gnaden. Erst 2009 bessern sich die Aussichten, als die Jugend durch Straßenproteste ein Ende der kommunistisch geführten Regierung und einen Richtungswechsel in der Politik erzwingt.

In Chisinau kommt damals die "Allianz für eine europäische Integration" an die Macht, die vorgibt, Moldau mit einem Reformkurs Richtung Brüssel zu führen. Dort zeigt man sich zufrieden und holt das Land in die östliche Partnerschaft, jenes Programm, mit dem Brüssel den ex-sowjetischen Ländern der Region eine Annäherung an die EU verspricht. Just in diesen Tagen der Zuversicht legt der damals schon reiche Plahotniuc im Hintergrund den Grundstein für seinen Aufstieg. Er, der bislang wirtschaftlich gut mit den Kommunisten konnte, will jetzt in die Politik.

Offshore-Konstrukte

Die Parteien der "proeuropäischen Koalition", die Demokratische Partei, die Liberalen und die Liberaldemokraten, trauen einander nicht und teilen deshalb die Einflussbereiche im Land wie eine Torte auf. Die einen bekommen gewisse Ministerposten, die anderen den Generalstaatsanwalt, die dritten die Verwaltung. An Reformen denkt keiner, solange es etwas zu holen gibt. Besonders hungrig greift offenbar das neue Mitglied der Demokraten zu: "Plahotniuc nutzte seine Position, um sich Einfluss im Staat zu sichern und Ressourcen anzuzapfen", sagt Igor Munteanu, der die Denkfabrik "Die Zukunft" in Chisinau leitet. "Er nutzte sie, um sich ein Imperium aufzubauen."

Doch wer ist dieser gedrungene Mann mit den markanten Geheimratsecken? Vladimir Plahotniuc, 1966 im Dörfchen Pitusca geboren, bringt es nach der Wende in den 1990er Jahren durch seine Nähe zur Politik im Erdöl- und Bankensektor zu einem beachtlichen Vermögen. Wild wurde in dieser Zeit privatisiert, rosig waren die Perspektiven für jene mit den richtigen Kontakten.

Plahotniuc stößt seine Besitztümer offiziell zwar 2010 ab, als er in die Politik wechselt, kontrolliert diese, unter anderem einen Medienkomplex, aber wohl weiterhin über komplizierte Offshore-Konstrukte. Seinen Einfluss muss der Oligarch aber vorerst mit anderen teilen. Allen voran mit dem langjährigen Premierminister der Allianz, Vlad Filat. Filat öffentlich als Politiker, Plahotniuc mehr im Hinterzimmer, das sind lange Jahre die beiden Boxer im Kampfring der moldauischen Macht. Im Herbst 2015 liegt Filat am Boden. Zuvor hatten die Moldauer im Jänner 2015 erfahren müssen, dass rund eine Milliarde Dollar aus dem moldauischen Bankensektor auf Offshore-Inseln verschwunden war - ein "Jahrhundertraub" unter den Augen von Nationalbank und Bankenaufsicht.

Das ist der Moment, in dem Tausende beginnen, gegen die Korruption und die unhaltbaren Zustände im Land auf die Straße zu gehen. Die Machthaber in Chisinau werden nervös und verschleißen zwei Premiers im Laufe des Jahres, der Internationale Währungsfonds hält Hilfsgelder zurück, weil die Regierung sich weigert, die in den Betrug verwickelten Banken zu liquidieren.

Die Republik Moldau, der die EU nur ein Jahr zuvor ein Assoziierungsabkommen, also den ersten Schritt in Richtung einer Mitgliedschaft, zugestanden hatte, droht zu kippen. Ausgerechnet Filat wird im Oktober als Drahtzieher des Jahrhundertraubes verhaftet. Möglich, dass Plahotniuc, der den Generalstaatsanwalt sowie die Antikorruptionsbehörde kontrollieren soll, dieses juristische Schauspiel orchestriert hat.