- © M. Hirsch
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Reimon: Nein, es würde nicht verschwinden, aber in einem Ausmaß verdrängt, das zum Problem werden könnte.

Schellhorn: Das glaube ich nicht, es würde zu einer Spezialisierung kommen, die zu noch mehr Bio-Produkten in noch mehr Bio-Regalen führen wird.

Reimon: Wir haben hier unterschiedliche Folgen, die politisch unterschiedlich zu bewerten sind. Das Problem am Chlorhuhn ist nicht das Chlor. Ich springe jeden Sommer ins gechlorte Wasser im Bad und danach unter die Dusche. Das Problem sind die niedrigeren Tierhaltungsstandards in US-Fabriken. Es ist ein sauberes Huhn, aber die Produktionsbedingungen führen dazu, dass es im Gegensatz zum europäischen Huhn desinfiziert werden muss. Durch die Größe der Fabriken liegen die Produktionsbedingungen rein preislich weit unter jenen in Europa.

Schellhorn: Ich halte die Bürger für mündig genug, beim Einkauf die richtige Entscheidungen zu treffen. Sie wollen die Menschen bevormunden.

Reimon: Verzeihen Sie, aber das ist Kampfrhetorik. Mit diesem Argument können Sie jede Konsumentenschutzrichtlinie aushebeln. Ich möchte als Konsument nicht bei jeder Kaufentscheidung die Produktionsbedingungen dahinter erforschen müssen. Ich will mir ohne Eigenverantwortung eine Wurstsemmel kaufen können und dabei die Sicherheit haben, dass die Ware sauber produziert wurde.

Schellhorn: Unschöne Haltungsmethoden werden auch in Europa aufgedeckt, denken Sie nur an den Gammelfleisch-Skandal. Sie malen Schreckensgespenster an die Wand.

Hinter der Debatte um Chlorhühner und Finanzregeln steht die sehr viel grundsätzlichere Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern eines Freihandels mit einheitlichen Standards. Europas Anteil an der Weltbevölkerung beträgt nur 7 Prozent und unser Beitrag zum globalen BIP sinkt - in den letzten Jahren von 21 Prozent auf 16 Prozent. Wie soll das europäische Wohlfahrtstaatsmodell ohne liberalen Welthandel nachhaltig finanziert werden?

Reimon: Es ist ein Trugschluss, dass Liberalisierung im Handel zu Wohlstandsgewinn führt. Natürlich bewerte ich Handel positiv und bin für intelligente Handelsabkommen, um Sozial- und Umweltstandards nach oben zu schrauben. Dafür gibt es auch Modelle. Doch das Verschwinden der europäischen Textilindustrie in den letzten 30 Jahren hat nicht zu mehr Wohlstand geführt, weder bei den burgenländischen Arbeitnehmern, die ihren Job verloren haben, noch in Bangladesch, wo 2013 mehr als tausend NäherInnen beim Einsturz einer Fabrik starben. Europa kann die gestaltende Kraft auf den globalen Märkten sein, weil wir - gemessen an Einwohnerzahl und Kaufkraft - der interessanteste Markt sind. Etwa indem wir an Importe Bedingungen knüpfen wie Kündigungsschutz bei Schwangerschaft, Maximalarbeitszeiten, Mindestlöhne, Gewerkschaftsrecht und Rechtsstaatlichkeit. Bei Nichteinhaltung sollte es Strafzölle in der Höhe von ein paar Prozent geben. Das Ziel ist dabei nicht, Geld zu verdienen, sondern die Zölle so anzusetzen, dass Bangladesch eher daran interessiert ist, den Kündigungsschutz einzuführen. Ich finde es sehr interessant, dass Freihandel und Investitionsschutz vermengt wird, weil dieser Protektionismus Unternehmen dient und nicht Staaten. Was Adam Smith zum Wettbewerb der Standorte sagte, ist mit dem Investitionsschutz gescheitert.

Schellhorn: Sie richten sich Ihre kleine Welt so, wie sie Ihnen gefällt. TTIP und das Verhandlungsmandat ist eine Chance für Europa und die USA, schließlich laufen parallel die transpazifischen Verhandlungen zwischen USA, Japan, Südkorea und Indonesien. Die Gefahr ist, dass dieser Markt stärker wird. Sie, Herr Reimon, sind Aktivist, ich bin Unternehmer. Zwei Drittel der KMU in Österreich leben vom Export. Es geht darum, Arbeitsplätze zu schaffen und Firmen mitzuziehen, die mit ihren Produkten auf den internationalen Märkten reüssieren können. Ein Beispiel: Ein europäischer Fritteusehersteller muss 2000 Euro investieren, nur um in den USA seine Fritteusen verkaufen zu können. Das sind Hemmnisse, die abseits von Hormon- und Chlorfleisch abgeschafft werden sollten.

Reimon: Ich habe nichts gegen gemeinsame Standards mit den USA, man kann all diese Faktoren andenken und überlegen, welche Branchen wie zu stärken sind. Aber man muss dies in parlamentarische Prozesse einbinden und diskutieren, einen Binnenmarkt zu schaffen. Die EU ist ein Binnenmarkt mit 28 Staaten, kein Freihandelszone.

Schellhorn: Sie meinen also, Europa soll sich abschotten?

Reimon: Nein, wir sollten einen Binnenmarkt und Mechanismen mit den USA schaffen, um gemeinsame Standards auszuarbeiten mit transparenter parlamentarischer Beteiligung und nicht die gegenseitige Anerkennung der Standards, die - wie es im Mandat steht - ein Unterlaufen der Standards sind.

Schellhorn: Aber die Welt und Europa entwickelt sich weiter. Ihre Haltung ist Arbeitsplatzvernichtung pur.

Womöglich ist die Debatte in Europa über TTIP ohnehin vergeudete Energie, weil in den USA immer mehr Stimmen - von Trump bis hin Sanders - eine Abkehr vom Freihandel und die Abschottung des eigenen Heimatmarkts fordern.

Schellhorn: Das würde dann ja in die Karten des Herrn Reimon spielen: Abschottung.

Reimon: Herr Schellhorn, Sie gebärden sich wie ein religiöser Fundamentalist. Wer nicht 100-prozentig für Freihandel ist, ist automatisch gegen jeden Handel. Ja, ich bin für den Abbruch der Verhandlung, aber das heißt nicht, dass ich für eine Abschottung bin. Sie argumentieren betriebswirtschaftlich bei einem volkswirtschaftlichen Abkommen, das geht nicht zusammen.